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Update: 21.02.2014, 14:03 Uhr

Literatur

Appelfeld, Aharon: Auf der Lichtung




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Von Bernadette Conrad

  • Traumverlorene Klarheit
  • Der bei Czernowitz geborene israelische Schriftsteller Aharon Appelfeld erzählt - zeitentrückt und jedem Zeitgeist zuwiderlaufend - vom Kampf jüdischer Partisanen in den karpatischen Wäldern.

Aharon (Erwin) Appelfeld.

Aharon (Erwin) Appelfeld.© Sophie Bassouls/Corbis Aharon (Erwin) Appelfeld.© Sophie Bassouls/Corbis

Sie sind eine Gruppe vornehmlich junger jüdischer Männer, aber auch Kinder und eine alte Frau - die meisten von ihnen aus dem Ghetto geflohen -, die in den karpatischen Wäldern zu überleben versuchen. So ließen sich das Thema und die Hauptfiguren in Aharon Appelfelds neuem Roman kurz umschreiben. Allerdings ginge dabei das Wichtigste verloren: nämlich dass diese stetig wachsende Gruppe viel mehr ist als ein Partisanentrupp, der mit Plünderungen das Überleben sichert und gegen den großen Feind, die Deutschen kämpft. Sie ist eine geistige Gemeinschaft unterschiedlichster Menschen, die um ihre inneren Werte ringt und sie pflegt als das höchste Gut.

Edmund, der halbwüchsige Junge, der auf dem Bahnhof des Ghettos von seinen Eltern zur Flucht ermuntert wurde, ist der Erzähler der Geschichte. Voller Hochachtung und mit scharfer Beobachtungsgabe skizziert er die Mitglieder seiner neuen Überlebensfamilie: Da ist, allen voran, Kamil, dem nie der Mut auszugehen scheint, wenn es darum geht, die Moral der Truppe hochzuhalten und sie mit Parolen wie "Freude" oder "das Einzige" in den Kampf zu begleiten. Ferner Paul, dessen "Ausdrucksweise herzergreifend war und an Gedichte Rilkes erinnerte", oder Felix, der entschlossene Kämpfer, dem nie ein Wort zuviel zu entlocken ist. Dann Danzig, der sich des zweijährigen sprachlosen Milio annimmt, und die Frauen Mirjam und Zila, die kochen und versorgen. Schließlich Großmutter Zirl, verehrt wie eine religiöse Autorität, wobei ihre "Lehre" vor allem in tiefer Menschenfreundlichkeit besteht.


Appelfelds Buch, zeitentrückt und jedem Zeitgeist zuwiderlaufend, berührt in der eindrücklichen Erzählung dessen, was in einer zusammengeworfenen, ständig vom Tod bedrohten Gemeinschaft entstehen kann, wenn gemeinsame Ziele und ein hohes menschliches Ethos sie zusammenhält.

Wie so oft bei Appelfeld wird etwas wie eine religiöse Dimension beschworen, ja hat die traumverlorene Klarheit, mit der von diesem Zusammenleben erzählt wird, fast etwas Mystisches. Im jungen Isidor etwa erkennt Großmutter Zirl den Geist seines Großvaters Itsche Meir; aus ihm strömen die Gesänge und Gebete heraus, ohne dass er sie versteht. Denn wie Appelfeld selbst, der als liberaler Jude ohne das "Gepäck des jüdischen religiösen Wissens" aufwuchs, geht es nicht direkt um Gottesglauben und Religiosität, sondern um jene Antwort, die Isidor gibt, als Edmund ihn fragt, was Gebet sei: "Sehnsucht."

Erwin Appelfeld war viel jünger als sein 17-jähriger Held Edmund, als er sich (nachdem er die Ermordung der Mutter als Kind miterlebt hatte, später im transnistrischen Lager vom Vater getrennt wurde und fliehen konnte) durch die Wälder schlug und der Roten Armee als Küchenjunge anschloss, um so durchzukommen bis Palästina.

In vielen Varianten beschäftigt den Autor seither das Thema des "heiligen Buches" als Inbegriff von sehnsüchtiger Wissens- und Sinnsuche. In "Auf der Lichtung" gelangt Appelfelds luzide, glasklare, mitunter eigentümliche Sprache in der thematischen Spannung zwischen Kampf und mystischer Gemeinschaft zu neuer Meisterschaft.

Den Höhepunkt des Romans bilden die sich gegen Kriegsende zuspitzenden Partisanen-Aktionen gegen die "Todeszüge": Die Gruppe bringt Züge zum Entgleisen und rettet so viele Juden. Wäre es nicht Aharon Appelfeld, der glaubwürdige Zeuge, der Sprachmystiker, dann würde ein Buch wie das vorliegende kitschig sein. Appelfelds eigener Spur aber folgt man fasziniert: "In den ruhigen Stunden vergessen wir oft, dass wir umzingelt sind . . .; einstweilen leben wir in dem engen Spalt zwischen dem, was war, und dem, was uns erwartet, und erfreuen uns am Anblick des Waldes... an den anrührenden, aus dem Herzen kommenden Worten von Grossmutter Zirl, die nicht aufhört zu sagen: Liebt und lernt zu lieben . . .; ohne große Liebe machen wir Gottes Welt klein."

Aharon Appelfeld: Auf der Lichtung. Roman. Aus d. Hebräischen von Mirjam Pressler. Rowohlt, Berlin 2014, 320 Seiten, 19,95 Euro.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-02-20 20:32:13
Letzte nderung am 2014-02-21 14:03:37



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