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Update: 21.04.2014, 17:46 Uhr

Johannes XXIII.

Der Lebensweg eines Heiligen




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Von Heiner Boberski

  • Hubert Gaisbauer stellt exzellent das reiche geistige Erbe des Papstes Johannes XXIII. dar.

Rom 1960: Johannes XXIII. segnet die Teilnehmer an den Olympischen Sommerspielen. - © wikimedia/National Archief

Rom 1960: Johannes XXIII. segnet die Teilnehmer an den Olympischen Sommerspielen. © wikimedia/National Archief

"Papst kann jeder werden, der beste Beweis bin ich." So lautet einer der populärsten Aussprüche von Papst Johannes XXIII., der 1881 als Angelo Giuseppe Roncalli geboren wurde und von 1958 bis 1963 die römisch-katholische Kirche leitete. Für den Titel seines neuen Buches über diesen wahren Brückenbauer (Pontifex) zwischen den Menschen hat der langjährige Rundfunkjournalist Hubert Gaisbauer diesen Satz abgewandelt: "Ein Heiliger kann jeder werden". Diese Aussage enthält sogar mehr Wahrheit, denn die Chance, Papst zu werden, besitzt die größere Hälfte der Kirche, die weibliche, nicht. Zur Ehre der Altäre, die nun am 27. April den Päpsten Johannes XXIII. und Johannes Paul II. mit der Heiligsprechung zuteil wird, haben es aber auch schon viele Frauen gebracht.

Information

Sachbuch
Ein Heiliger kann jeder
werden. Lebendig glauben
mit Johannes XXIII.

Hubert Gaisbauer

Tyrolia, 272 Seiten, 19,95 Euro


Gaisbauers Buch ist eine in die Tiefe gehende Auseinandersetzung mit dem Reifungsprozess und der Spiritualität einer großen Persönlichkeit. Ein Heiliger wollte der kleine Bauernsohn aus Sotto il Monte bei Bergamo schon als Sechsjähriger werden, sein Dorfpfarrer und sein Großonkel Zaverio waren ihm große Vorbilder. Der damals übliche Weg zum Priestertum führte ihn schon mit 14 Jahren ins Seminar von Bergamo, wo er als verbindliche Kleidung einen Talar und einen breitkrempigen Klerikerhut sowie die "Erste Tonsur" (Abschneiden eines Büschels Kopfhaar) erhielt. Von da an führte er bis zu seinem Tod ein Geistliches Tagebuch, in dem zunächst Selbstbezichtigungen dominieren, weil es ihm schwerfiel, alle 53 Verhaltensregeln seiner "geistlichen Checkliste" einzuhalten.

Dieses Buch gibt viel Einblick in in das Wachsen und die Lernfähigkeit Roncallis. So notierte er darin mit 22 Jahren: "Die Auffassung, die ich mir von der Heiligkeit, der ich nachstrebe, gebildet hatte, ist falsch." Der junge Kleriker nahm Abstand davon, seine heiligen Vorbilder - zunächst Aloisius Gonzaga und Stanislaus Kostka - zu kopieren, und ging seinen eigenen Weg. Dieser Weg führte ihn nach der Priesterweihe 1904 bis zum Zweiten Weltkrieg in viele Funktionen - darunter Sekretär des Bischofs von Bergamo, Spiritual am Priesterseminar von Bergamo, Nationalpräsident des Päpstlichen Werkes für die Glaubensverbreitung, Professor der Patristik an der Päpstlichen Lateran-Universität, Vatikan-Delegat in Bulgarien, dann in der Türkei und Griechenland.

Brücke zum Judentum
1945 wurde Roncalli Apostolischer Nuntius in Paris, schließlich Patriarch von Venedig und Kardinal. Als er 1958 im weißen Gewand das Konklave verließ, galt er als Kompromisslösung und "Übergangspapst", bis er im Jänner 1959 mit der Ankündigung eines ökumenischen Konzils alle überraschte. Johannes XXIII. wollte die Fenster der Kirche öffnen, ein "aggiornamento" (eine Verheutigung) einleiten, Brücken zu anderen christlichen Konfessionen und anderen Religionen schlagen. So ließ er sofort die bis dahin diskriminierend formulierte Fürbitte für die Juden in der Karfreitagsliturgie ändern. Als 1962 ein Kardinal den alten Text verwendete, wies ihn der anwesende Papst energisch zurecht und ließ die Fürbitte in der korrekten neuen Form wiederholen.

In Gaisbauers Buch wird ein Mensch lebendig, den ständiges Bemühen um Güte und Bescheidenheit, den Fleiß und Disziplin, Lernfähigkeit und Zuwendung zu den Menschen auszeichnen. Johannes XXIII. war theologisch sicher konservativ, zugleich aber tolerant und offen - so inspirierte er atheistische Künstler wie den Filmregisseur Pier Paolo Pasolini oder den Bildhauer Giacomo Manzù zu großartigen Werken. Er stand auch zu einem Freund, der wegen seiner "modernistischen" Ansichten exkommuniziert wurde. Menschen, die diesen Papst kannten, behielten seine im besten Sinn bäuerliche, bodenständige und geradlinige, die besten Seiten im Gegenüber hervorholende Art in nachhaltiger Erinnerung.

Dass Papst Franziskus, der ihn nun heiligspricht, kürzlich den bereits 98-jährigen ehemaligen Sekretär des Roncalli-Papstes, Loris Capovilla, zum Kardinal erhoben hat, zeigt, wo der argentinische Pontifex anknüpfen will. Er soll auch kurz überlegt haben, den Namen Johannes XXIV. anzunehmen. Wie reichhaltig das geistige Erbe von Johannes XXIII. ist, stellt Hubert Gaisbauer exzellent dar.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2014-04-21 16:53:04
Letzte Änderung am 2014-04-21 17:46:55



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