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Update: 28.04.2014, 23:10 Uhr

Sachbuch

Abdel-Samad, Hamed: Der islamische Faschismu




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Von Christian Ortner

  • Der Islam werde nicht nur von Radikalen missbraucht, meint ein ägyptisch-deutscher Islamexperte.

Salafisten, hier bei einer Demonstration in Rabat (Marokko), prägen das Bild vom Islam. - © reuters/Stringer

Salafisten, hier bei einer Demonstration in Rabat (Marokko), prägen das Bild vom Islam. © reuters/Stringer

Gewidmet ist das Buch "meiner lieben Mutter. Sie bat mich, es nicht zu veröffentlichen, obwohl sie wusste, dass ich dieser Bitte nicht nachkommen kann." Ein eher ungewöhnlicher Wunsch einer Mutter an den Sohn, aber ein durchaus nachvollziehbarer. Denn seit Hamed Abdel-Samad sein jüngstes Buch "Der islamische Faschismus - Eine Analyse" publiziert hat, muss er wieder einmal um sein Leben fürchten, das deutsche Innenministerium hat ihm Personenschutz zur Verfügung gestellt.

Information

Hamed Abdel-Samad: Der islamische Faschismus, Droemer , 224 Seiten, 18,50 Euro


Für Abdel-Samad freilich nichts wirklich Neues. Schon nachdem er im Sommer 2013 in Kairo einen Vortrag über die Parallelen zwischen dem Faschismus und dem Islam gehalten hatte, kursierten in der arabischen Welt Aufrufe zum Mord an dem ägyptisch-deutschen Islamwissenschafter.

"Faschistoides Gedankengut"
Seine Thesen werden in der islamischen Welt nicht gerade gerne gehört und noch viel weniger gerne diskutiert. Denn Abdel-Samad vergleicht nicht nur die radikalen Muslimbrüder mit den Faschisten des europäischen 20. Jahrhunderts, sondern vertritt darüber hinaus die These, dass "faschistoides Gedankengut bereits in der Urgeschichte des Islam begründet" sei.

Damit bricht er ein Tabu: die im Westen weit verbreitete und übliche Trennung zwischen der "Religion des Friedens", also dem Islam des freundlichen Döner-stand-Betreibers in der Nachbarschaft, und den weit weniger friedliebenden "Islamisten" oder gar "radikalen Islamisten", die diese Religion angeblich missbrauchen würden. Doch diese Trennung behauptet der Autor, sei teilweise artifiziell und sinnlos, weil dem Islam eben bestimmte faschistoide Elemente gleichsam in den Genen stecken. "Die faschistische Ideologie vergiftet ihre Anhänger mit Ressentiments und Hass, teilt die Welt in Freund und Feind und bedroht Gegner mit Vergeltung. Sie richtet sich gegen die Moderne, die Aufklärung, den Marxismus und die Juden und glorifiziert Militarismus und Opferbereitschaft bis in den Tod. All diese Eigenschaften treffen auch auf den modernen Islamismus zu," diagnostiziert Abdel-Samad.

Und er sieht auch historische Parallelen: So wie der Faschismus im gedemütigten Deutschland der 1930er-Jahre besonders gut gedeihen konnte, gedeihe der zeitgenössische Islamismus in der von Israel und dem eigenen Unvermögen gedemütigten islamischen Welt ganz vorzüglich. Beiden Bewegungen sei "eine Mischung aus Ohnmacht und Allmachtsphantasien" gemeinsam, beide seien auch als "Widerstandsbewegungen gegen die Moderne" zu dechiffrieren, und beide führten einen "antiurbanen Diskurs": "Für die Nazis war das Berlin der Goldenen 20er-Jahre Sinnbild für den Niedergang der traditionellen Werte, für die Islamisten ist die Stadt ein Ort der Sünde und des Sittenverfalls".

Einig im Antisemitismus
Einig sind sich Faschisten und Islamisten natürlich auch in ihrem Antisemitismus. So bildeten sich etwa im Iran nach der Machtübernahme der Mullahs Milizen "nach dem Vorbild der SA und der SS", und die Juden, die seit 2500 Jahren in Persien gelebt hatten, wurden zum Ziel von Hass-Attacken. Grund dafür ist für Abdel-Samad schlicht und einfach "die Hauptschrift des Islam, der Koran, in dem die Juden in einigen Passagen als Verräter und Nachfahren von Affen beschrieben werden". Indem der Koran mit der Installierung des Mullah-Regimes zur absolut gültigen obersten Instanz im Lande erklärt worden ist, sei die Zunahme des Antisemitismus gleichsam zwangsläufige Folge gewesen.

Dass der Islam selbst dort, wo er nicht zum Islamismus entartet ist, problematische Charakteristika aufweist, wird in der islamischen Welt natürlich nicht mit Begeisterung vernommen; Todesdrohungen gegen Abdel-Samad bestätigen seine Thesen aber mehr als dass sie diese entkräften.

"Es fällt vielen Muslimen schwer zu erkennen, dass Freiheit und Demokratie sich nicht vertragen mit dem Gedanken, dass der Mensch durch ein himmlisches Wesen ferngesteuert wird", resigniert der Autor gegen Ende seines Buches, "es fällt ihnen schwer zu erkennen, dass nicht der Glaube eines Menschen, sondern seine Taten entscheidend sind - und dass keine Ideologie es wert ist, dafür zu töten oder das eigene Leben hinzugeben".




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-04-28 15:50:07
Letzte nderung am 2014-04-28 23:10:14



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