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Update: 12.05.2014, 18:21 Uhr

Politik

Shore, Marci:Der Geschmack von Asche.




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Von Oliver vom Hove

  • Der Totalitarismus im Osten lebt

In Russland wird alljährlich mit Stalin-Bildern demonstriert.

In Russland wird alljährlich mit Stalin-Bildern demonstriert.© epa In Russland wird alljährlich mit Stalin-Bildern demonstriert.© epa

Bücher, das wussten die Römer, haben ihr Schicksal. "Ich ging nach Osteuropa, weil ich eine Geschichte mit gutem Ende hören wollte", schrieb die amerikanische Historikerin Marci Shore (am 15. Mai im Bruno Kreisky Forum in Wien zu Gast) voll Zuversicht im Vorwort zu ihrem Bericht über "Das Nachleben des Totalitarismus in Osteuropa". Seit etlichen Wochen ist ungewisser denn je, ob die Geschichte noch gut ausgeht. Die Krisensituation in der Ukraine hat Shores Untersuchung mit dem eindringlichen Titel "Der Geschmack von Asche" ins grelle Tageslicht gerückt. Das Fortwirken des Sowjetsystems mit seiner Autokratie und dem Hegemonialanspruch in den Köpfen nicht nur der russischen Nomenklatura beweist schonungslos, wie recht William Faulkner hatte, indem er feststellte: "Die Vergangenheit ist nicht tot. Sie ist nicht einmal vergangen."

Information

Marci Shore:Der Geschmack von Asche. Das Nachleben des Totalitarismus in Osteuropa. Übersetzt von Andrea Stumpf, C.H. Beck. 376 Seiten, 25,70 Euro


Stalinismus wirkt nach
Ein Mittel gegen die uns erneut bedrohende Vergesslichkeit ist Marci Shores Buch. Gespickt mit originellen Beobachtungen und Erkundungen, erzählt es von den frühen Erlebnissen der 42-jährigen Yale-Professorin in den vom Kommunismus befreiten Ostblockländern. Seit den frühen 1990er Jahren reiste die damalige Studentin unentwegt zwischen Prag und Warschau, Moskau und Bukarest, Vilnius und Krakau, Kiew und Bratislava hin und her, stets in Archiven forschend und Beteiligte befragend. Erfrischend anschaulich lockert die Autorin in ihren feinfühligen Reiseberichten das geballte Wissen über das Wesen totalitärer Hinterlassenschaft auf, das sie auf ihren Streifzügen eingesammelt hat.

Diese Erbschaften kommunistischer Zwangsherrschaft, das lässt sich mit Marci Shore resümieren, wirken in den verschiedenen Ländern Osteuropas bis in die Nachkommen der zweiten und dritten Generation mehr oder weniger stark nach. In vielen Lebensbildern wird dies deutlich. Nicht allein die Biographien von Vaclav Havel oder Milan Kundera, Marek Edelmann oder Wladyslaw Bartoszewski legen Zeugnis ab für die Beherztheit einer autonomen Bewältigung des totalitären Zeitalters im Osten. Es sind auch die Kinder und Enkel derer, die den Stalinismus erlebten, denen traumatische Erfahrungen nicht fremd blieben.

Am eindringlichsten beschreibt die Autorin die polnische Nachkriegsgeschichte mit ihren grausamen Wellen von parteiinternen "Säuberungen" und antisemitischen Verfolgungen, deren entsittlichende Wirkung auf die Gesellschaft sich bis heute in nachhaltigen Feindseligkeiten und Verdächtigungen äußert. Der Kommunist Wladyslaw Gomulka, mit einer jüdischen Frau verheiratet, hatte im März 1968 eine folgenschwere antisemitische Kampagne entfesselt. Aus Geheimdienst-Akten im Osten entweicht bis heute der Ruch von Verdacht und Verrat, den zu mildern oder zu widerlegen nach Jahrzehnten vielfach unmöglich erscheint.

Für Polen wie für andere Satellitenstaaten des sowjetischen Kommunismus gilt: Jahrzehntelange Auseinandersetzungen innerhalb und außerhalb des Parteiapparats verzehrten die Lebenskonzepte unzähliger Menschen. Schauprozesse, Kerker, Entrechtung und Enteignung blieben als ständige Bedrohung aufrecht. Ganze Gesellschaften zerfielen in Angepasste und Verfemte, Mitläufer und Fluchtbereite. Tragisch noch im Rückblick die Schicksale zahlloser Dissidenten, die nach 1989 für ihren Mut nicht belohnt, sondern von skrupellosen Wende-Gewinnern aus Amt und Brot verdrängt wurden. Marci Shore hat viele von ihnen besucht und ihnen wie auch ihren Nachkommen unermüdlich Gehör geschenkt.

Die historische Perspektive, die sich dadurch eröffnet, reicht zurück bis in die 1930er Jahre. Damals wie nach dem Zweiten Weltkrieg galt vielen Idealisten der Marxismus als Verheißung einer gerechteren Gesellschaftsordnung. Dass das einzelne Menschenleben für Stalin, wie für die anderen totalitären Herrscher im 20. Jahrhundert, nichts galt, dass er im Gegenteil Hekatomben von Ermordeten anhäufte, wollten seine Anhänger bis zuletzt nicht wahrhaben.

Sicherheit statt Freiheit
Marci Shore hat bei ihren Nachforschungen in die Abgründe des vergangenen Jahrhunderts geschaut. Ein unermessliches Totenreich ist die Hinterlassenschaft des Totalitarismus, nicht nur im europäischen Osten. Trotzdem wirkt das Konzept des Kollektivismus, das unter dem Schutz eines allmächtigen Staats Sicherheit statt Freiheit bot, noch heute erschreckend anziehend auf jene verführbaren Massen, die sich durch nationalistische Kraftmeiereien von rechts wie von links berauschen lassen. Nutznießer sind stets aufs Neue jene Eigner eines autoritären Charakters, die sich bar jeden Skrupels ihrer Selbstermächtigung als autokratische Volksverführer hingeben.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-05-12 16:05:07
Letzte nderung am 2014-05-12 18:21:24



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