• vom 30.06.2014, 17:34 Uhr

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Update: 03.07.2014, 18:48 Uhr

Paul Watzlawick

Watzlawick, Paul: Die Entdeckung des gegenwärtigen Augenblicks




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Von Evamaria Bachinger

  • Die erste Paul-Watzlawick-Biografie ist aus familiärer Perspektive geschrieben - und sehr informativ.

Paul Watzlawick, hier als Ehrendoktor der Webster University 1999, wurde mit der "Anleitung zum Unglücklichsein" berühmt.

Paul Watzlawick, hier als Ehrendoktor der Webster University 1999, wurde mit der "Anleitung zum Unglücklichsein" berühmt.© apa/Artinger Paul Watzlawick, hier als Ehrendoktor der Webster University 1999, wurde mit der "Anleitung zum Unglücklichsein" berühmt.© apa/Artinger

Mit dem Kommunikationsexperten und Philosophen Paul Watzlawick verbinden wohl die meisten die Aussage "Man kann nicht nicht kommunizieren". Er hat zahlreiche Bücher verfasst, doch vor allem eines, nämlich "Anleitung zum Unglücklichsein", hat ihn berühmt gemacht. Um jedoch einen umfassenden Einblick in das Leben des gebürtigen Österreichers zu bekommen, bietet sich die vorliegende Biografie an.

Angesichts seiner Lebensgeschichte ist man fast verwundert, dass Watzlawick nicht selbst eine Autobiografie geschrieben hat beziehungsweise nicht schon früher eine Biografie erschienen ist. Doch Watzlawick war "eine öffentliche Person, aber sehr öffentlichkeitsscheu, mit seinen Büchern wurde er populär, und dennoch war er nicht volkstümlich", schreibt die Autorin Andrea Köhler-Ludescher. Sie ist die Großnichte von Paul Watzlawick. Dieser familiäre Hintergrund erklärt auch, dass sie meistens nur von "Paul" schreibt. Einerseits irritiert das ein wenig, weil er manchmal doch auch auf einem Podest steht, andererseits ist die familiäre Perspektive durchaus interessant.

Information

Sachbuch
Paul Watzlawick. Die Biografie. Die Entdeckung des gegenwärtigen Augenblicks.
Andrea Köhler-Ludescher
Huber, 338 Seiten, 29,95 Euro


Viele Informationen, detailliert beschriebene Bilder
So eine Biografie kann sicher nicht kritisch-distanziert und objektiv sein. Doch: "Jede Biografie ist konstruiert, und auch wenn ihr Anspruch sein mag, objektiv die Lebensgeschichte eines Menschen zu rekonstruieren, enthüllt sie immer auch den Autor und seine Beziehung zu diesem Menschen", spricht auch Fritz B. Simon, ein deutscher Psychotherapeut, der Watzlawick lange kannte, im Nachwort dieses Problem an. Er fragt sich, wie es Watzlawick sehen würde, wenn jetzt alle Welt Details erfährt. Doch die Autorin verfällt nicht in Voyeurismus. Sie ist mit Bedacht vorgegangen und war sich offensichtlich ihrer Verantwortung bewusst. Zwei Jahre lang recherchierte und schrieb sie an dem Buch. Sie hat viele Informationen gesammelt und zahlreiche Gespräche mit Weggefährten geführt.

Der Aufwand hat sich gelohnt: Es ist gut und kenntnisreich geschrieben - sprachlich und inhaltlich dicht, aber verständlich und flüssig zu lesen. Es hat keinen reinen Sachbuchstil, sondern liest sich eher wie ein Roman.

In chronologischer Reihenfolge gemäß den Lebensstationen von Watzlawick erzählt Köhler-Ludescher sein Leben - anhand von Fotos, Zitaten aus Briefen und Postkarten ergibt sich ein vielschichtiges Bild. Die Fotos hat Köhler-Ludescher intensiv betrachtet: Sie beschreibt sie detailliert und mit Hintergrundwissen. Dadurch verweilt man länger, und Phantasien über die jeweilige Zeit und Umgebung tauchen auf. Jedes Kapitel ist mit einem kurzen, poetischen Text von Köhler über Augenblicke eingeleitet. Das letzte Buch von Watzlawick sollte ja "Die Entdeckung des Augenblicks" sein. Im Augenblick zu leben war für ihn die Erkenntnis seines Lebens. Wenige wissen, dass Watzlawick eine große Verbundenheit mit dem Zen-Buddhismus spürte. Bis zu seinem Tod im Jahr 2007 in Kalifornien machte er Yoga.

Wirklichkeit und konstruierte Wahrnehmungen
Geboren 1921 in Villach musste Watzlawick als junger Mann zur Wehrmacht einrücken. Da er sich in Briefen an seine Mutter Emy kritisch und hämisch über die Nationalsozialisten äußerte, wurde er interniert und entging einer jahrelangen Haft nur aufgrund glücklicher Umstände. In Venedig studierte er nach dem Krieg Sprachen, später in Zürich Psychoanalyse am C.G. Jung-Institut. Er reiste ein Leben lang viel, Indien, Südamerika waren Stationen längerer Aufenthalte, schließlich wurde er Wahlamerikaner. Intensiv fragte Watzlawick nach dem Sinn des Lebens und beschäftigte sich mit der Frage "Wie wirklich ist die Wirklichkeit?"

Somit avancierte Paul Watzlawick zum wichtigsten Vertreter des Konstruktivismus, wonach jede Wahrnehmung subjektiv und konstruiert sei. Insofern passt es recht gut, dass seine Großnichte, ebenfalls Kommunikationsexpertin, erklärt: "Das Buch ist meine aktuell subjektive Konstruktion, es reflektiert meine persönlichen Haltungen. Kein Zweiter würde über Paul Watzlawick so ein Buch verfassen - diese Erlebnisse auswählen, diese Zusammenhänge konstruieren, diese Interpretationen vornehmen und Schlüsse ziehen."




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-06-30 17:38:06
Letzte nderung am 2014-07-03 18:48:00



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