• vom 13.07.2014, 11:00 Uhr

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Treichel, Hans-Ulrich: Frühe Störung




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Von Shirin Sojitrawalla

  • Altes Kind
  • "Frühe Störung" von H.-U. Treichel.

"Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit". So lautet zumindest eine Postkartenweisheit. Der Spruch tröstet - und kann doch einmal entstandenen Schaden nicht heilen. Das weiß Franz, der Antiheld in Hans-Ulrich Treichels Roman "Frühe Störung" nur zu genau. Seine Mutter ist ihm Last, Fluch und Lebensthema. Je mehr er versucht, sich von ihr zu befreien, desto mehr gerät er in ihre (ver-)schlingenden Fänge.

Weder die Aussprache bei einem Psychoanalytiker, noch die Reise ans andere Ende der Welt erlösen diesen Mann von seiner Mutterstörung. Dabei verhält er sich ganz ähnlich wie andere Protagonisten von Hans-Ulrich Treichel: ein bisschen lebensuntüchtig, gedankenverloren, um sich selbst kreisend, immer nur mental auf der Höhe der Zeit, aber niemals tatkräftig.


Der Autor begleitet seinen tragisch-komischen Helden durch unterschiedliche Lebensphasen, vor dem Tod der Mutter und danach, und blickt dabei tief in seinen stets rotierenden Schädel. Franz arbeitet als Reisejournalist in Berlin, kann sich auf seinem schönen Erbe ausruhen und Kindheitswunden lecken. Der Roman gleicht dabei einem ausufernden Monolog, einem Lamento. Franzens Erzählungen sind das Gejammer eines Mannes, der nicht gelernt hat, sich zu nehmen, wie er ist. Dabei beweist Treichel wieder einmal ein sicheres Gespür für Ironie und ihre tiefere Bedeutung, wiewohl er diesmal mit Drastik nicht geizt.

Wer bei dem Motiv Mutterstörung an Ödipus denkt, liegt nicht ganz falsch, auch wenn Franz geradezu Ekel vor seiner Mutter empfindet. Doch wie Ödipus fühlt er eben nicht das, was sich für einen Sohn geziemt. Da fügen sich Szenen vollkommener Demütigung an Szenen reiner Komik. Schuldgefühle reihen sich bei Franz an böse Alltagserfahrungen.

All das erzählt Treichels Muttersöhnchen schlicht, und doch auch wieder umständlich. Dennoch ist dieser Franz am Ende der Geschichte nicht mehr ganz derselbe. Er entwickelt sich, sachte nur, aber immerhin. In den letzten Sätzen entfaltet der Autor dann die ganze Traurigkeit des alten Kindes.

Hans-Ulrich Treichel: Frühe Störung. Roman. Suhrkamp, Berlin 2014, 188 Seiten, 19,50 Euro.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-07-10 16:50:04
Letzte nderung am 2014-07-11 12:54:07



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