• vom 27.10.2014, 15:35 Uhr

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Berliner Mauer

Der Mauerfall, das Werk der DDR-Bürger




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Von Peter Bochskanl

  • Wie die überraschende Wende 1989 zur Wiedervereinigung Deutschlands führte.

Wenige Reste erinnern an die Berliner Mauer.

Wenige Reste erinnern an die Berliner Mauer.© dpa/Gambarini Wenige Reste erinnern an die Berliner Mauer.© dpa/Gambarini

Vor einem Vierteljahrhundert, am 9. November 1989, fiel die Berliner Mauer. Die DDR-Führung hatte sie 1961 errichten lassen, um die "Abstimmung mit den Füßen" zu unterbinden, weil immer mehr ihrer Bürger aus der Diktatur nach Westberlin flohen: 28 Jahre lang wurde die 168 Kilometer lange Grenzanlage von der mit Schießbefehl ausgestatteten DDR-Grenzpolizei strengstens bewacht. Wie viele Menschen ihren Fluchtversuch mit dem Leben bezahlten, ist nicht bekannt, die Schätzungen liegen zwischen 136 und 245 Todesopfern. Noch am 5. Februar 1989 wurde der 20-jährige Kellner Chris Gueffroy an der Stacheldrahtgrenze von DDR-Grenzern erschossen. Seine von Geheimpolizisten überwachte Beerdigung wurde zur stillen, jedoch eindrucksvollen Demonstration gegen das mörderische SED-Regime.

Der Fall der Berliner Mauer markiert die politische Wende Deutschlands, die innerhalb nur eines Jahres das DDR-Regime und seine Diktatur hinwegfegte und zur Deutschen Einheit führte.


Unmittelbarer Auslöser der Maueröffnung war eine Pressekonferenz des SED-Politbüromitglieds Günter Schabowski am 9. November 1989, in der er eine großzügige Ausreiseregelung für DDR-Bürger bekanntgab. Auf die Frage eines Reporters nach dem Zeitpunkt des Inkrafttretens antwortete er: "Sofort!" - obwohl dies von der SED-Führung nicht so geplant war. Diese von den Medien sofort transportierte Nachricht löste einen Sturm der Ostberliner auf die Grenzübergänge aus. Die Kontrolleure der Stasi mussten nachgeben und die Sperren öffnen. Zehntausende strömten über die Grenze und feierten mit den Westberlinern. Die rasante Entwicklung hatte es den Bürgern Westdeutschlands und Westberlins dann ab 24. Dezember 1989 ermöglicht, offiziell und ohne Visum in die DDR einzureisen.

Die Journalisten, Publizisten und Buchautoren Lars-Broder Keil und Sven Felix Kellerhoff schildern in ihrem rechtzeitig zum Jubiläum erschienenen, reich bebilderten Buch, wie sich die Bürger der DDR "ohne Gewalt die Freiheit nahmen". Der zeitliche Bogen reicht vom Herbst 1987 bis zum Herbst 1989.

Die Autoren stellen subjektiven Schilderungen in den Memoiren etwa von Michail Gorbatschow, Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble den Versuch einer objektivierten Darstellung entgegen: Die deutsche Politik habe zwar großen Anteil daran gehabt, dass die Wiedervereinigung rasch und reibungslos verwirklicht wurde. Die Politiker seien aber Getriebene des Unmuts und Veränderungswillens der DDR-Bevölkerung gewesen, der sich immer stärker in mutigen Demonstrationen, Runden Tischen und Bürgerkomitees manifestierte.

Der Mauerfall sei zwar überraschend, aber kein Produkt des Zufalls, sondern einer breiten Bewegung gewesen. Große Bedeutung messen Keil und Kellerhoff jedoch auch der kleinen unbeirrbaren Opposition zu: ihrem offenen Kampf gegen die Diktatur etwa mit der Demonstration zum Gedenken an die Revolutionäre Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg und der Gründung neuer Parteien gegen den Widerstand des Staatsapparates. Auch immer wieder auftretende Versorgungsmängel hätten den Unmut der DDR-Bürger geschürt. Unterstrichen wird aber auch die entscheidende Rolle von KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow, der SED-Zentralsekretär Erich Honecker offen gewarnt hat, die notwendigen Reformen nicht zu verpassen, und so die DDR-Opposition wesentlich ermutigt habe.

Merkwürdige "Nostalgie des Ostens" auch im Westen
Die Autoren kritisieren, dass in letzter Zeit auch im Westen Deutschlands ein "merkwürdig verklärter Blick auf die DDR" festzustellen sei, während man das früher als "Nostalgie des Ostens" abgelehnt habe. Das wirke so, als wolle man das frühere Bild der SED-Diktatur nach einem Vierteljahrhundert vergessen machen. Keil und Kellerhoff wehren sich gegen diesen Versuch der Geschichtsklitterung. Es sei nichts geradezurücken: "Die DDR war ein von Bevormundung, Misswirtschaft und Zerfall geprägter Staat, der bis in den Alltag der Einzelnen hineinwirkte, auch in den Nischen, in die sich jene flüchteten, die zur aktiven Mitarbeit im SED-Staat nicht bereit waren, offene Opposition aber scheuten."

Sachbuch

Der Mauerfall. Ein Volk nimmt sich die Freiheit

Lars-Broder Keil,

Sven Felix Kellerhoff

Edition Lingenstiftung,

304 Seiten, 25,70 Euro




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Dokument erstellt am 2014-10-27 15:38:06



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