• vom 10.11.2014, 17:18 Uhr

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Schwarzbuch Markenfirmen

Die Welt schönshoppen




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Von Saskia Blatakes

  • Das "Schwarzbuch Markenfirmen" ist in Neuauflage erschienen, seit der Erstausgabe 2001 hat sich nichts zum Guten gewendet.

Kaufen ohne schlechtes Gewissen? Kaum möglich, auch nicht im Einkaufstempel Galeries Lafayette, hier mit Weihnachtsbaum . - © reuters/Platiau

Kaufen ohne schlechtes Gewissen? Kaum möglich, auch nicht im Einkaufstempel Galeries Lafayette, hier mit Weihnachtsbaum . © reuters/Platiau

Im Grunde machen die Konzerne, was die Konsumenten wollen. So sind Markenfirmen zu milliardenschweren Marktgiganten geworden. Kleidung von H&M und Schuhe von Adidas, Zigaretten von Philip Morris, Pillen von Bayer, Lebensmittel fürs Wochenende von Lidl, Bücher via Amazon, Netzwerkpflege via Facebook und gegoogelt wird mit dem Apple-Laptop. Profite für die Eigentümer und Aktionäre sind das Ziel dieser Firmen und nicht Social Responsibility oder eine bessere Welt, auch wenn es in der Werbung manchmal anders tönt.

"Die Globalisierung ist näher gerückt. Was wir vor Jahren in Südostasien oder Lateinamerika beobachten mussten, sehen wir jetzt zunehmend auch in Europa, wie zum Beispiel in den Amazon-Lagerhäusern in Deutschland", sagt Autor Klaus Werner-Lobo im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Das ist ein Teufelskreis der neoliberalen Ausbeutung. Die Menschen kommen aus eigentlich reichen Ländern, deren Marktwirtschaften zerstört wurden, um in Mitteleuropa im Billiglohnsektor zu schuften."


Der tägliche Betrug
Zum Guten hat sich also nichts gewendet, seit 2001 das "Schwarzbuch Markenfirmen" erstmals erschienen ist, eher im Gegenteil. Längst ist das Buch zum Klassiker der globalisierungskritischen Literatur avanciert, in vielen Schulen gehört es sogar zum Lehrstoff. Es ist allgemein verständlich geschrieben und beginnt quasi bei null, beziehungsweise bei Marx und den Schattenseiten der kapitalistischen Marktwirtschaft. Im Zentrum stehen nämlich nicht nur die Konzerne, sondern vor allem die globalen politischen Strukturen, in denen es sich die Weltkonzerne wohlig eingerichtet haben. Die Liste der Vorwürfe ist lang: rücksichtslose Ausbeutung von Arbeitskräften bis hin zur Sklaverei, Steuervermeidung, Umweltzerstörung und illegale Medikamentenversuche an Menschen.

Jetzt haben Journalisten Hans Weiss ("Bittere Pillen") und der Kultursprecher der Wiener Grünen, Klaus Werner-Lobo ("Schwarzbuch Öl") eine komplett neue Ausgabe des Klassikers geschrieben. Der Umfang der negativen Hitliste ist beachtlich. Auch Christian Felber ("Die Gemeinwohl-Ökonomie") und die diesjährige Preisträgerin des Wiener Journalistinnen-Preises Corinna Milborn ("Ware Frau") haben Beiträge geliefert. Sie alle zeigen, dass sich das Geschäftsgebaren der Global Player nicht gebessert hat.

Etwas hat sich aber sehr wohl verändert, und zwar wie die Multis auf die immens gestiegene Aufmerksamkeit reagieren: mit dem Zauberwort Corporate Social Responsibility. "Von A wie Adidas bis Z wie Zara bekennen sich heute so gut wie alle großen Konzerne zur Sozialen Unternehmensverantwortung", schreiben die Autoren.

Der Markt bietet alles und das sofort. Für die meisten Konsumenten entscheidet allein der Preis. Doch manche Konsumenten verlangen immer häufiger, dass die Produkte auch sozialen und ökologischen Maßstäben genügen, billig sollen sie aber bitte schön immer noch sein. Der moderne Eskapismus in der Konsumgesellschaft: sich die Welt schönshoppen. Was die Marketingabteilungen der Konzerne daraus machen, nennen die Autoren aber "Green Washing" was - geht es nach den Autoren des "Schwarzbuch Markenfirmen" - so viel bedeutet wie: Unseren täglichen Betrug gib uns heute.

100 Euro in den Opferfonds
Die freiwillig aufgelegte "Unternehmensverantwortung" beschäftigt längst ganze Abteilungen. Da werden Verhaltenskodizes geschrieben, rührselige Werbekampagnen lanciert und scheinbar reumütig Sozialprojekte unterstützt. "Es ist, als würde jemand eine Bank überfallen, 100.000 Euro rauben, die Kassiererin erschießen - und dann auf dem Weg zum nächsten Überfall hundert Euro in den Opferfonds einzahlen", schreiben die Autoren und illustrieren den Vergleich mit dem Verhalten des Ölmultis Shell, der behauptet, jährlich sechzig Millionen Dollar in Schulen und Krankenhäuser zu investieren - während im Nigerdelta Umweltschäden und die Zerstörung von Lebensräumen im Wert von vielen Dutzend Milliarden Dollar angerichtet und korrupte Militärs und Regierungen an der Macht gehalten werden.

Insgesamt 50 der größten und bekanntesten Konzerne porträtieren die Journalisten, indem sie deren unethische Machenschaften beschreiben und den Konsumenten raten, mit einem veränderten Konsumverhalten Druck auf die Konzerne auszuüben.

In der Neuauflage rücken auch besonders die Internetgiganten Amazon, Facebook und Google ins Visier der Globalisierungskritiker. Die Autoren zeigen, wie diese ihre Gewinne durch Monopolisierung, Datenschutz-Missbrauch und Steuervermeidung maximieren.

Wie kann es überhaupt sein, dass sie kaum Steuern zahlen? Ganz einfach - und ganz legal. Gastautor Christian Felber beschreibt, wie Google vorgeht. Hilfreich ist das Spar-Modell "double irish", bei dem zwei irische Tochterfirmen, eine Briefkastenfirma in den Niederlanden und eine weitere Firma in der Steueroase Bermudas eine Rolle spielen. Da wird mit Lizenzgebühren und geistigen Urheberrechten jongliert und es führt dazu, dass Google seine Steuern - 34 Millionen bei einem Umsatz von 15,5 Milliarden - wohl aus der Portokasse bezahlen könnte, wie Felber spöttisch schreibt. Die Politik ist erst spät aufgewacht.

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Dokument erstellt am 2014-11-10 17:23:07



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