• vom 01.12.2014, 16:24 Uhr

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Weltordnung

Ein Wertekanon als Kompass




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Von Wolfgang Taus

  • Der "Weltordnung" ist das neue Buch des früheren US-Außenministers Henry Kissinger gewidmet.

Zwei frühere US-Außenminister, Henry Kissinger (r.) und James A. Baker, im Oktober 2014 beim 25-Jahr-Gedenken an die friedliche Revolution in Ostdeutschland in Leipzig. - © apa/epa/J. Schluer/Stadt Leipzig/Handout

Zwei frühere US-Außenminister, Henry Kissinger (r.) und James A. Baker, im Oktober 2014 beim 25-Jahr-Gedenken an die friedliche Revolution in Ostdeutschland in Leipzig. © apa/epa/J. Schluer/Stadt Leipzig/Handout

In einer zunehmend multidimensionalen Welt infolge des Aufstiegs neuer Mächte wie China oder Indien und regionaler Einflusssphären, die etwa im Nahen und Mittleren Osten von radikal-islamischen Ordnungsmodellen aus den Anfängen des Islam geprägt sind, verliert die bisherige von den USA nach dem Ende des Kalten Krieges dominierte unipolare Weltordnung im 21. Jahrhundert sukzessive an Zugkraft.

Der frühere US-Außenminister Henry Kissinger sucht in den gegenwärtigen geopolitischen Verwerfungen, die unter anderem neoimperiale Tendenzen und Krisen wie in der Ukraine bis hin zu vom Staatszerfall betroffenen Krisenregionen als Horte terroristischer Machtansprüche umspannen, trotz unterschiedlicher Kulturen, historischer Entwicklungen und Traditionen einen übergeordneten ausgleichenden Ordnungsrahmen zu erkunden. Es geht darum, Kriege auf regionaler wie internationaler Ebene möglichst zu verhindern oder einzudämmen und eine möglichst friedliche wie politisch-ökonomisch-soziale stabile Weltordnung auf den Weg zu bringen.


Die "ambivalente Supermacht"
Das westliche Wertesystem souveräner gleichberechtigter Staaten, wie es im Westfälischen Frieden von 1648 zum Ausdruck kam, bezog seine Universalität aus seinem prozeduralen, wertneutralen Wesen. Nach zwei verheerenden Weltkriegen wurde mit dem Aufstieg der Sowjetunion als "Bedrohung des Westfälischen Staatensystems die gesamte internationale Ordnung infrage gestellt. Im Rückblick könne man, so Kissinger, darüber diskutieren, ob die von den USA angestrebte Balance immer das Optimum darstellte. Aber man könne wohl kaum widerlegen, dass Amerika in einer Welt, die durch Massenvernichtungswaffen und politische wie soziale Unruhen gekennzeichnet war, den Frieden erhalten, an der Wiederherstellung der Vitalität Europas mitgewirkt und neu entstehenden Staaten entscheidende Wirtschaftshilfe geleistet hat, stellt der Autor mit Recht fest.

Stets mussten sich die USA als "ambivalente Supermacht" zwischen Ordnung und Freiheit, Einmischung und Isolation entscheiden - mit vielen Licht- und auch Schattenseiten. Doch die Suche nach einer neuen Weltordnung erfordert eine kohärente Strategie, um Ordnungskonzepte von innen heraus für die einzelnen Regionen zu entwickeln und dann zwischen diesen Regionalordnungen Beziehungen herzustellen, folgert Kissinger.

In seinem tiefgehenden Buch beschreibt er die unterschiedlichen Ordnungskonzepte etwa Chinas und des asiatischen Raums, beleuchtet die vielschichtige islamische Weltsicht, das Mullah-Regime mit seinem schwelenden Atomkonflikt mit den USA ebenso wie das Pulverfass des Nahen und Mittleren Ostens. Der dschihadistische radikale politische Islam bedroht mittlerweile nicht nur den arabischen Raum - mit Spill-over-Effekten auch auf die westliche Welt. Ein innerislamischer Glaubenskrieg zwischen Sunniten und Schiiten scheint sich Vorbilder aus den früheren Konfessionskriegen in Europa zu nehmen. Aufgrund der technisch-globalisierten und vernetzten Welt droht der Konflikt zu metastasieren. Hier sind die USA einmal mehr zusammen mit den übrigen Mitgliedern des Weltsicherheitsrates gefordert, schleunigst einen nachhaltigen Ordnungsrahmen zu schaffen, um brennende Lunten zu löschen.

Nach Kissingers Meinung ist und bleibt die Weltmacht Amerika die wichtigste "Verkörperung des menschlichen Freiheitsdrangs" in der modernen Welt und die "unverzichtbare geopolitische Kraft, die humane Werte verteidigt".

Auch wenn der westliche Wertekanon zunehmend von anderen politischen Machtzentren (insbesondere von China und Russland) angezweifelt wird, so müsse die westliche Welt unter Führung der USA mit Nachdruck ihr Einstehen für die zentralen Werte Demokratie, Freiheit und Menschenwürde in einer neuen multipolaren Ordnung bekunden. Der Respekt der USA vor den historischen Realitäten anderer Kulturräume müsse dabei Priorität haben. Amerika dürfe seinen Kompass auch künftig nicht verlieren. Lesenswert.

Sachbuch

Weltordnung

Henry Kissinger

C. Bertelsmann, 478 Seiten,

25,70 Euro




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Dokument erstellt am 2014-12-01 16:29:10



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