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Physik

Die Zeit als kosmische Konstante




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Von Wolfgang Taus

  • Lee Smolin verweist zeitlose Wahrheiten und zeitlose Reiche "in die Welt der Mythologie".

Die Zeit verrinnt - das Denken in der Zeit ist für Smolin eine Art "Relationalismus".

Die Zeit verrinnt - das Denken in der Zeit ist für Smolin eine Art "Relationalismus".© Frans Lemmens/corbis Die Zeit verrinnt - das Denken in der Zeit ist für Smolin eine Art "Relationalismus".© Frans Lemmens/corbis

Die Zeit ist keine Illusion, wie viele Quantentheoretiker heute annehmen, sondern sie ist "wirklich". Zu diesem Schluss kommt der US-Physiker Lee Smolin in seinem aufrüttelnden Buch. Denn unserem Denken über die Zeit wohne etwas Paradoxes inne. Wir nehmen uns selbst als in der Zeit lebend wahr, doch wir stellen uns oft vor, dass die besseren Aspekte unserer Welt und unserer selbst "jenseits unserer Zeit" hinausgehen. Das sei eine Täuschung unseres Gehirns, meint Smolin.

Er schlägt vielmehr in diesem Buch vor, dass die Zeit und ihr Vergehen "grundlegend und wirklich" seien und die Hoffnungen und Überzeugungen hinsichtlich zeitloser Wahrheiten und zeitloser Reiche "in die Welt der Mythologie" gehören. Daraus folgt, dass jede Art zeitloser Existenz oder Wahrheit geleugnet werde - sei es im Bereich der Moral, der Politik oder auch der Wissenschaft. All diese Bereiche müssten neu formuliert und verstanden werden, um ihre Wahrheiten "innerhalb der Zeit" zu formulieren.


Jedes schwarze Loch als Same für ein neues Universum
Für Smolin ist alles, was in unserem Universum wirklich ist, zu einem bestimmten Zeitpunkt wirklich, der zu einer Abfolge von Zeitpunkten gehört. So war die Vergangenheit wirklich, ist es aber jetzt nicht mehr. Die Zukunft existiert noch nicht und ist deshalb offen. Nichts geht über die Zeit hinaus, nicht einmal die Naturgesetze. Aus der rationalistischen Sicht Smolins existieren keine Determinationen. Wir Menschen denken in der Zeit, wenn wir verstehen, dass der Fortschritt in der Technik, Gesellschaft und Wissenschaft in der Erfindung wirklich neuer Ideen, Strategien und Formen gesellschaftlicher Organisation besteht - und auf unserer Fähigkeit zu dieser Erfindung vertrauen, so Smolin. Auf kosmologischer Ebene neigt der Autor der Theorie von parallel existierenden Multiversen zu, die sich durch die Erzeugung neuer Universen innerhalb von schwarzen Löchern fortpflanzen. So sei unser Universum ein Nachkomme eines anderen Universums, das in einem seiner schwarzen Löcher geboren wurde. Jedes schwarze Loch in unserem Universum ist der Same für ein neues Universum.

Wenn die Annahme stimmt, dass sich unser Universum seit dem Urknall ausdehnt und ab einem gewissen Zeitpunkt wieder zusammenzieht, dann steht dahinter ein Zeitstrahl. Der Faktor Zeit im Werden und Vergehen lasse sich vom Mikrokosmos der Quantenwelt bis zum Makrokosmos nachvollziehen. Den Gleichungen der allgemeinen Relativitätstheorie zufolge könnte unser Universum in seinen Anfängen auch voller schwarzer Löcher gewesen sein. Doch es scheint vielmehr, dass es im frühen Universum überhaupt keine gegeben hat. Alle schwarzen Löcher scheinen sich lange danach gebildet zu haben - nämlich beim Zusammenbruch massiver Sterne. Auch hier könne also ein Zeitstrahl nachgewiesen werden, so Smolin.

Das Denken "in der Zeit" sei kein Relativismus, sondern eine Form des "Relationalismus" - eine Philosophie der vielfältig verflochtenen Beziehungen zu anderen Teile des Gesamtsystems. Die Wahrheit kann sowohl zeitgebunden als auch objektiv sein, wenn sie sich auf Dinge beziehe, die existieren, nachdem sie einmal entweder von der Evolution oder vom menschlichen Denken erfunden wurden, stellt Smolin fest. Die Zukunft sei ergebnisoffen und Neues ist auf jeder Skala möglich - von den Gesetzen der Physik bis zur Wirtschaft, Politik und Ökologie. Auf jeder Skala, vom Photon im frühen Universum bis zum Menschen, sei die Zeit eine Grundkonstante, so die zentrale These des Buches. Doch am Ende von Smolins Reise durch die Zeit muss auch er eingestehen, dass wir Menschen nichts wissen über das Wesen der Materie und des Universums, geschweige denn des Bewusstseins.

Auch wenn Zeit die einzige fundamentale Größe zu sein scheint, so bleibt die Suche nach Gott und damit nach einem höheren Sinn ebenso immanent.

Sachbuch

Im Universum der Zeit

Lee Smolin

Deutsch von Jürgen Schröder

DVA, 416 Seiten, 25,70 Euro




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-12-08 16:35:06
Letzte nderung am 2014-12-09 12:20:07



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