• vom 17.01.2015, 11:00 Uhr

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Toussaint, Jean-Philippe: Nackt




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Von Ingeborg Waldinger

  • Bittersüße Offenbarung
  • Der belgische Autor Jean-Philippe Toussaint schließt seine Tetralogie um das ewige Drama der Liebe mit einem fulminanten Roman ab.

Jean-Philippe Toussaint, Meister der elegant-ironischen Erzählkunst, lebt in Brüssel und auf Korsika.

Jean-Philippe Toussaint, Meister der elegant-ironischen Erzählkunst, lebt in Brüssel und auf Korsika.© Foto: Joachim Unseld Jean-Philippe Toussaint, Meister der elegant-ironischen Erzählkunst, lebt in Brüssel und auf Korsika.© Foto: Joachim Unseld

Am Anfang war der Honig: eine süße Urkraft, paradiesisch - und verführerisch. Diese Himmelsgabe überzieht buchstäblich das Vorspiel zu Jean-Philippe Toussaints Roman "Nackt". Der 2014 auf Deutsch erschienene Band bildet den letzten Teil einer Tetralogie, die der belgische Autor dem ewigen Drama der Liebe gewidmet hat ("Sich lieben"/2003, "Fliehen"/2007 und "Die Wahrheit über Marie"/2010). Besagte Marie - mit vollem Namen Marie Madeleine Marguerite de Montalte - ist die Heldin aller vier Romane, und in schicksalhafter Liebe dem namen- und konturlos bleibenden Erzähler verbunden. Die beiden schwirren durch die Welt, zwischen Paris, Peking, Tokio und Elba. Moderne Nomaden, einsam, einander suchend und zugleich fliehend.

Der Titel "Nackt" weckt ein breites - kulturhistorisch und religiös geprägtes - Assoziationsprogramm: Mit der körperlichen Entblößtheit verbinden sich sowohl Vorstellungen von Ausgesetztheit, Tabu und Scham wie von Natürlichkeit, Libertinismus oder Provokation.


Nähkunst ohne Naht
Doch Nacktheit ist auch eine existenzielle Erfahrung - und ein altes Thema der Philosophie: Erst wenn alle Hüllen fallen, offenbart sich die "nuda veritas", die nackte Wahrheit. Aber wie kompatibel ist dieses aufklärerische Erkenntnisdogma mit dem künstlerischen Schaffensprozess? Jean-Philippe Toussaint demonstriert seinen Standpunkt in "Nackt" auf fulminante Weise:

Marie, die erfolgreiche Modeschöpferin, ist bekannt für avantgardistische Kreationen. In Tokio präsentiert sie ein Honigkleid, bestehend aus nichts als der natursüßen Textur, die auf dem nackten Körper des Models haftet. Diese "Nähkunst ohne Naht", frei und leicht schwebend, steht auch für die elegant-ironische Erzählkunst des Autors. Dem wandelnden Kunstwerk "aus Bernstein und Licht" folgt ein echter Bienenschwarm. Ein magischer Moment, von der Erfinderin technisch wie medizinisch und juristisch abgesichert. Allein: die "Perfektion ist eine illusorische Täuschung, die sich wie der Horizont entfernt, den man vergeblich zu erreichen sucht". Das Tableau Vivant kippt ins Desaster, und Marie muss erkennen, "dass es im künstlerischen Schaffensprozess einen Platz gibt für das Zufällige, das Ungewollte, das Unbewusste, das Schicksalhafte und das Unerwartete".

Dem grandiosen Auftakt folgt ein Schnitt (Jean-Philippe Toussaint ist auch Regisseur). Wir wechseln nach Paris, an die Seite des Erzählers, der in seiner Wohnung vergeblich auf Mariens Anruf wartet. Dabei sinniert er über die "ozeanische Disposition" dieser Frau, kraft derer sie eine Harmonie zwischen sich und dem Universum herzustellen vermag.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-01-15 16:41:08
Letzte nderung am 2015-01-16 14:24:57



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