• vom 17.01.2015, 11:00 Uhr

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Toussaint, Jean-Philippe: Nackt




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Jean-Philippe Toussaint, Meister der elegant-ironischen Erzählkunst, lebt in Brüssel und auf Korsika.

Jean-Philippe Toussaint, Meister der elegant-ironischen Erzählkunst, lebt in Brüssel und auf Korsika.© Foto: Joachim Unseld Jean-Philippe Toussaint, Meister der elegant-ironischen Erzählkunst, lebt in Brüssel und auf Korsika.© Foto: Joachim Unseld

Toussaint jongliert mit dem Bausatz des Nouveau Roman (detaillierte Beschreibung der Alltagswirklichkeit, Bruch mit Erzähl-Chronologie und Kausalität, Nebeneinander von Innen und Außen), mit Proust’scher Wahrnehmungsästhetik - und mit der christlichen Mariensymbolik. So rekapituliert der Erzähler, "für immer und ewig die Erscheinung Mariens erflehend", besondere Momente dieser Beziehung. Etwa, wie er Marie in Tokio durch die Glaskuppel jenes Museums beobachtet hatte, wo sie ihre Arbeit präsentierte: ". . . und es ging etwas Leuchtendes von ihr aus".

Doch diese Lichtgestalt hat etwas Zerbrechliches. Dass sie meist einen Mantel trägt, macht sie nicht zur modernen "Schutzmantelmadonna", sondern verweist vielmehr auf ihre eigene Schutzbedürftigkeit.

Das spürt der Erzähler denn auch bei dem nächtlichen Treffen in einem Pariser Café, wo Marie ihn bittet, mit ihr zu einem Begräbnis nach Elba zu reisen. Als sie für eine Zigarette auf die Caféterrasse wechselt, erscheint sie ihm (durch die trennende Glaswand des Cafés) wie eine "Galionsfigur vor dem unsichtbaren Ozean". Marie als Stella maris, die dem Seemann die Richtung weist? Nein, denn Toussaint sieht dieses Paar als "hieratische Personen, jede für sich eingeschlossen in ihre Einsamkeit" - und bringt die Szene explizit mit Edward Hoppers Gemälde "Nachtschwärmer" in Verbindung.

Botticelli-Madonna
Doch über Hoppers Ikone großstädtischer Isoliertheit schiebt sich ein ganz anderes Bild, eine Mariendarstellung des Renaissancemalers Botticelli. Ausgelöst wird diese Assoziation durch eine Szene auf Elba: Das zum Begräbnis angereiste Paar verfehlt die Zeremonie und irrt durch den Friedhof. Die herb-süßlichen Rauchschwaden einer abgefackelten Schokoladenfabrik verschmelzen mit dem "abstrakten Totengeruch" des Gottesackers und dem Regen. Mittendrin Marie, die einen weißen Mantel trägt, einen Strauß weißer Lilien - und ein Geheimnis. . .

Jean-Philippe Toussaint ist mit "Nackt" ein Glanzstück der Romankunst gelungen, das sein Verleger und Übersetzer, Joachim Unseld, mit Feinsinn und Meisterschaft ins Deutsche übertragen hat.

Jean-Philippe Toussaint: Nackt. Roman. Aus dem Französischen von Joachim Unseld. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/M. 2014, 160 Seiten, 20,50 Euro.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-01-15 16:41:08
Letzte nderung am 2015-01-16 14:24:57



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