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Update: 02.02.2015, 18:58 Uhr

Literatur

Murakami, Haruki: Von Männern, die keine Frauen haben




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Von Sabine Ertl

  • Das Herz als Katalysator
  • Der japanische Erfolgsautor Haruki Murakami lotet die Existenz von einsamen Männern aus - und die Leere, die entsteht, wenn die Liebe verschwunden ist.

Haruki Mirakami mit seiner Frau Yoko, die er bereits als 21-Jähriger geheiratet hat.

Haruki Mirakami mit seiner Frau Yoko, die er bereits als 21-Jähriger geheiratet hat.© Foto: Filip Singer/epa/picturedesk.com Haruki Mirakami mit seiner Frau Yoko, die er bereits als 21-Jähriger geheiratet hat.© Foto: Filip Singer/epa/picturedesk.com

Ohne Frauen leben, darum geht es dem japanischen Bestsellerautor Haruki Murakami in seinem Kurzgeschichtenband "Von Männern, die keine Frauen haben", erschienen bei Dumont und übersetzt von Ursula Gräfe. Laut dem Verlag hat es neun Jahre gedauert, bis wieder neue Murakami-Kurzgeschichten erschienen ist. Diese Miniaturen kamen nach den Romanen "1Q84" (2010) und "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" (2014) heraus.

Wir lesen einen emotionalen, nachdenklichen Murakami. Die Geschichten sind weniger befremdlich als gewohnt - es gibt keine Schafmänner, keine Superfrösche, keine menschenfressenden Katzen und auch keinen "Mister Aufziehvogel". Murakami schreibt in dem schmalen Band ausschließlich über die Interak- tion zwischen Mann und Frau.

Information

Haruki Murakami: Von Männern, die
keine Frauen haben. Erzählungen. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe.
DuMont Buchverlag, Köln 2014, 254 Seiten, 19,99 Euro.


Männer werden geliebt, betrogen, verlassen. Am Ende bleibt der tiefe Schlund der Einsamkeit. Behutsam betastet Murakami dieses breite Feld, beschreibt die Leere, die entsteht, wenn die Liebe verschwunden ist. "Frauen sind in meinen Büchern wie Musen", sagte Murakami in einem Interview mit dem "New Yorker". Sie sind es, die den männlichen Protagonisten an der Hand nehmen und durch das Leben führen. Nicht er sucht sie, sondern sie finden ihn.

Vertaute Boote
In allen sieben maßgeschneiderten Geschichten ist das Herz der Katalysator. Bei Murakami klingt das ungewohnt pathetisch: "Bei jeder Regung ihres Herzens spüre auch ich ein Ziehen in mir. Es ist wie bei zwei Booten, die durch ein Tau verbunden sind. Und auch wenn man es durchtrennen wollte, es gäbe keine Klinge, die das vermöchte."

"Das eigenständige Organ" erzählt die Geschichte eines ewigen Junggesellen. Der Schönheitschirurg Dr. Tokai zieht nur zu gerne aus oft parallel laufenden Affären großen Genuss, bis er sich eines Tages leidenschaftlich verliebt. Seine Organe beginnen verrückt zu spielen. Als ihn seine Geliebte verlässt, erfasst ihn die Enttäuschung wie eine "schwere Krankheit", er stirbt an einem "gebrochenen Herzen". Es sind diese eigenständigen Organe, schreibt Murakami, die Handeln fremdbestimmt und nicht mehr willentlich steuerbar machen.

In "Scheherazade" - eine Figur aus dem Märchen "1001 Nacht" - wird ein Mann in einem Haus festgehalten, aus dem er nicht entkommen kann. Zweimal pro Woche besucht ihn eine Frau mit dem Namen Scheherazade. Sie bringt ihm Essen, stillt seine sexuellen Bedürfnisse und erzählt ihm Geschichten, deren Ende sie stets offen hält. Es wird nicht erklärt, warum der Protagonist Habara das Haus nicht verlassen kann. Hat er einen Wendepunkt in seinem Leben überschritten, von wo aus es kein Zurück mehr gibt? "Scheherazade" hat großes Potenzial, sagte Murakami über die Geschichte. Und es wäre nicht das erste Mal, dass Murakami aus einer Kurzgeschichte einen Roman spinnt. Auch der Bestseller "Norwegian Wood" war eine sogenannte "long short story", bevor sie zum Roman ausgebaut wurde. Ebenso der fast 700-seitige Wälzer "Mister Aufziehvogel".

Die kürzeste aller Geschichten, die konstant rund 50 Seiten umfassen, ist mit 16 Seiten die titelgebende Geschichte "Männer ohne Frauen". Der einsamste Mann der Welt ruft den zweiteinsamsten Mann mitten in der Nacht an, um ihm den Selbstmord einer gewissen M. mitzuteilen. Es ist wieder die Geschichte einer Jugendliebe, des Verlusts, der Trauer mit dem Wissen, dass die geliebte Person nicht mehr zurückkommt.

"Alle Seeleute der Welt und all ihre süßen Worte hatten M. nicht vor dem Reich der Toten bewahren - oder daraus entführen - können", schreibt Haruki Murakami mit einem Wink in Richtung Hemingway. Und stößt gleichzeitig eine Warnung aus: "Eines Tages werdet ihr plötzlich Männer sein, die keine Frauen haben. (...) Auf dieser Welt nennt man euch Männer, die keine Frauen haben. In einem unendlich kalten Plural".

Scharfkantiges Geröll
Die Sprache des nun schon langjährigen Anwärters auf den Literatur-Nobelpreises bleibt trotz der Thematik schlicht, aber eindringlich. Umso schärfer schneidet die Klinge, als der Autor immer wieder ins Gedächtnis ruft: Das Leben ist eine ernste, vielschichtige Angelegenheit! Eine, in der es heißt, in Einsamkeit zu leben. "Für Männer, die keine Frauen haben, ist die Welt ein weites Feld mit scharfkantigem Geröll, genau wie die Rückseite des Mondes", schreibt Murakami.

Der Erzählband ist somit auch eine Huldigung an das weibliche Geschlecht: "Frauen schenken uns besondere Momente, in denen sie für uns mitten in der Wirklichkeit die Wirklichkeit außer Kraft setzen". Genau da befindet sich die Tragik der Liebe - und auch die eine oder andere Antwort.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-01-29 16:41:18
Letzte nderung am 2015-02-02 18:58:44



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