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Kundera, Milan: Das Fest der Bedeutungslosigkeit




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Milan Kundera im Jahr 2010.

Milan Kundera im Jahr 2010.© Foto: Bertrand Rindoff Petroff/Getty Images Milan Kundera im Jahr 2010.© Foto: Bertrand Rindoff Petroff/Getty Images

Unheilvoller Schatten
Um dessen auch biographisch unheilvollen Schatten abzuschütteln, lässt der Autor seinen alternden Helden Charles die absurde Geschichte vom inkontinenten Genossen Kalinin erzählen, einem engen Mitstreiter Lenins und später Stalins.

Nach Kalinins Tod 1946 ließ Stalin die ostpreußische Stadt Königsberg nach dem eben verstorbenen formellen Staatsoberhaupt der Sowjetunion umbenennen. "Das Jahrhundert, das wir mit viel Glück überlebt haben, war verrückt nach Umbenennungen", lässt Kundera den Grübler Charles sagen. So wurde Kalinin, ein unbedeutender Funktionär der KPdSU, zum Namensgeber der Heimatstadt des großen Königsbergers Immanuel Kant. Und - Ironie der Historie - Kalinin bleibt es bis heute.

In diesen Passagen, in denen der Willensdespot Stalin vor der versammelten Unterwürfigkeit seiner ZK-Vasallen seine Verachtung für den idealistischen Geistesriesen Kant austoben darf, wirft Kundera mit grimmigem Humor den zeitgeschichtlichen Ballast ab, der auch die eigenen Schultern bedrückt.

Dass Kundera vom Film her kommt, ist spätestens an der Geschichte mit dem arbeitslosen Schauspieler Caliban zu erkennen, der sich als pakistanischer Kellner bei einer Cocktailparty verdingt, ohne Pakistanisch zu können. Dort trifft er auf ein portugiesisches Dienstmädchen, das die Gelegenheit sogleich beim Schopf packt, um mit Caliban in ihrer ihm unverständlichen Muttersprache zu parlieren. Was der Erzähler Kundera aus der Szene macht, ist reinster Slapstick: eloquenter Tanz zweier verliebter Täubchen, die sich ohne Sprachkenntnisse besser verstehen als die ganze blasierte Cocktailgesellschaft.

Die alterslose Leichtigkeit, in der Kundera seine Figuren sich bewegen lässt, ist auch deren offenbar von jedem sozialen Ehrgeiz befreiter Bodenhaftung geschuldet. So bekennt denn Charles beim Fest mit Blick auf die angestrengte Beletage: "Was für eine Freude, sich nicht um das zu kümmern, was oben passiert, was für eine Freude, hier unten anwesend zu sein."

Federleicht wird erzählt. Und tatsächlich löst das Fallen einer Flaumfeder die Assoziation eines Engels aus, der durch den Raum schwebt, nabellos.

Essenz der Existenz
Als Gegensatz zur Cocktailparty entführt Kundera einige seiner Protagonisten schließlich in den Jardin du Luxembourg, wo einer von ihnen sich angesichts des lebenslustigen Treibens eines Kinderfests zu einem munteren Räsonnement aufschwingt: "Die Bedeutungslosigkeit, mein Freund, ist die Essenz der Existenz", bemerkt Ramon. "Sie ist überall und immer bei uns. Sie ist sogar dort anwesend, wo niemand sie sehen will: in den Greueln, in den blutigen Kämpfen, im schlimmsten Unglück. Das erfordert oft Mut, sie unter so dramatischen Umständen zu erkennen und bei ihrem Namen zu nennen." Und Ramon fährt fort: "Aber es geht nicht nur darum, sie zu erkennen, man muss sie lieben, die Bedeutungslosigkeit, man muss lernen, sie zu lieben. Hier, in diesem Park, schauen Sie, mein Freund, ist sie in ihrer ganzen Evidenz gegenwärtig, in ihrer ganzen Unschuld, in ihrer ganzen Schönheit."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-02-26 17:17:05
Letzte nderung am 2015-02-27 15:01:05



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