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Literarisches Buch

Achleitner, Friedrich: wortgesindel




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Von Hermann Schlösser

  • Herr Achleitner und Frau Zweifel
  • Dialoge, Fragmente, Gedanken, Sprachspiele: all das und manches mehr versammelt sich in Friedrich Achleitners neuem Prosaband zu einem inspirierenden "wortgesindel".

Friedrich Achleitner, Autor und Wissenschafter.

Friedrich Achleitner, Autor und Wissenschafter.© Foto: apa/Herbert Neubauer Friedrich Achleitner, Autor und Wissenschafter.© Foto: apa/Herbert Neubauer

Das "KLG", also das "Kritische Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur", wird regelmäßig durch Nachlieferungen erweitert. Unlängst war Nora Gomringer unter "G" neu einzusortieren, Dietmar Sous unter "S" und so weiter. Der erste Name dieser Lose-Blatt-Sammlung bleibt jedoch seit Jahrzehnten konstant. Bei jeder Neulieferung fragt sich der Abhefter, ob etwa ein Herr Abel oder eine Frau Aarensfeld das Recht des Anfangs für sich beanspruchen könnten - aber nein, das Inhaltsverzeichnis beginnt stets zuverlässig mit dem Namen Friedrich Achleitner.

Also: "A" wie Achleitner. Aber auch "A" wie "Architekturhistoriker", der ein Standardwerk über österreichische Baukunst geschrieben hat. Oder "A" wie "Avantgardist", der seit den Tagen der "Wiener Gruppe" zu den phantasievollsten Vertretern der experimentellen Literatur gehört. Der Begriff "Alpha-Tier", der einem bei dem dauerhaft prominenten Intellektuellen ebenfalls einfallen könnte, ist allerdings nicht am Platz. Achleitner gehört zu jenen Literaten, die so wenig von sich hermachen, dass sie damit schon wieder auffallen.


In präziser Kürze

Information

Friedrich Achleitner: wortgesindel. Zsolnay Verlag, Wien 2015, 106 Seiten, 17,40 Euro.

Auch Achleitners neueste Prosa, die unter dem - bezeichnenderweise kleingeschriebenen - Titel "wortgesindel" erschienen ist, spielt sich an keiner Stelle auf. Das verhindert schon die extreme Kürze der einzelnen Mini-Reflexionen, Dialoge und Geschichten. Der umfangreichste Text des Bandes braucht trotz seines Titels "lift, geschwätzig" nur eineinviertel Druckseiten. Und einer der knappsten Szenen des Bandes lässt sich hier mühelos in voller Länge zitieren:

"der eine: du, ich kenn den prillinger ferdl jetzt schon vierzig jahr. glaubst, mir fallert sein name noch ein?

der andere: da kann ich dir nicht helfen, ich hör den namen heute zum ersten mal."

Auch der Titel dieses Dramoletts, "zwei alte", enthält ein A-Wort, das auf den Verfasser zutrifft. Friedrich Achleitner, geboren am 23. Mai 1930 in Schalchen in Oberrösterreich, feiert heuer seinen 85. Geburtstag - genau wie sein "Wiener Gruppen"-Partner Gerhard Rühm, dem in "wortgesindel" eine Art Brief gewidmet ist, der mit den Worten beginnt: "ich muss dir eine traurige mitteilung machen. ich bin für das jetzt viel zu langsam."

Ernstgemeinte Spiele
Allerdings versteckt sich in diesem verspielten "wortgesindel" auch manche kritische Pointe. In zornigem Witz schildert Achleitner zum Beispiel, wie ein "alter schauspieler" "zum gaudium seiner lachgemeinde" Erzählungen von Kafka rezitiert, die er so wenig versteht wie sein Publikum. Am Schluss lässt Achleitner Kafka selbst sagen: "aber diesem herrn werde ich nichts schenken, und sollte er dreimal otto heißen, sagte kafka. . ." Wer zu lesen versteht, weiß nun, welcher Wiener Altmeister hier verspottet wird.

Achleitner erweist sich in diesem witzigen, melancholischen, mitunter auch boshaften Buch wieder einmal als ein Autor, der den Bewegungen der Sprache folgt, den Lauten und Nebenbedeutungen der Wörter nachgeht, und gerade dadurch Bedenkenswertes zutage fördert. "darüber gibt es keinen zweifel, dachte frau zweifel, deren mädchenname unbekannt ist." (Wer "A" sagt, muss auch "Z" sagen.)




Schlagwörter

Literarisches Buch, Extra

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-03-06 13:53:08
Letzte nderung am 2015-03-09 13:14:25



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