• vom 13.04.2015, 16:06 Uhr

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Adressbüros

Die Urahnen von Google




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Von Frank Ufen

  • Anton Tantners Buch "Die ersten Suchmaschinen" über frühe Adressbüros ist ein großer Wurf.

Théophraste Renaudot (1586-1653), Arzt und Publizist.

Théophraste Renaudot (1586-1653), Arzt und Publizist.© wikimedia Théophraste Renaudot (1586-1653), Arzt und Publizist.© wikimedia

Die Geschichte begann auf der Pariser Île de la Cité in unmittelbarer Nähe der Kathedrale Notre Dame. Um das Jahr 1630 hob dort Théophraste Renaudot, Leibarzt Ludwigs XIII. und Begründer einer der ersten französischen Zeitungen, mit dem "Bureau d’Adresse" eine neuartige Einrichtung aus der Taufe. Es handelte sich um eine kommerzielle Agentur, die für mannigfache Arten von Vermittlungsdiensten zuständig sein sollte.

Renaudot schien an alles gedacht zu haben. An sein Bureau, verkündete er, könne sich getrost jeder wenden, der sich irgendwelche der dort deponierten und verwalteten Informationen zunutze machen wolle. Wollte jemand Waren - von Büchern oder Getränken bis hin zu Schiffen, Landgütern oder exotischen Tieren - veräußern, brauchte er bloß sein Angebot gegen eine Gebühr von drei Sous in ein Registerbuch eintragen zu lassen. Wer einen bestimmten Artikel suchte, bezahlte ebenfalls drei Sous, und daraufhin wurden ihm die entsprechenden Registereinträge zur Verfügung gestellt. Dabei sollte bis zum Abschluss des Geschäfts die Anonymität sowohl des Verkäufers als auch des Käufers gewährleistet sein.


Genauso konnte vorgehen, wer Zimmer oder Häuser zu mieten oder zu vermieten beabsichtigte. Das Bureau warb auch damit, Arbeiter und Dienstpersonal jeglicher Art vermitteln zu können und diejenigen Handwerksmeister in den Registerbüchern zu erfassen, die Lehrlinge oder Gesellen benötigten. Es erklärte sich darüber hinaus bereit, verschollene Personen aufzuspüren, die Adressen von Hofangehörigen und von renommierten Ärzten, Apothekern, Advokaten und Bankiers ausfindig zu machen und bei der Rekrutierung von Soldaten mitzuhelfen. Außerdem sollte man sich des Bureaus bedienen können, wenn es sich darum handelte, Geld zu leihen oder zu verleihen, Dinge zu versteigern oder zu verpfänden sowie Ämter zu kaufen oder zu verkaufen.

Man konnte dem Bureau außerdem den Verlust und den Fund von Wertgegenständen melden, sich bei ihm Boten bestellen und seine Serviceleistungen in Anspruch nehmen, wenn es darum ging, in eine andere Wohnung umzuziehen, ein Festessen zu veranstalten, eine Hochzeit zu feiern oder einen Toten zu bestatten. Aber nicht genug damit. In den Räumen des Bureaus sollten noch dazu Kunstausstellungen stattfinden, wissenschaftliche Vorträge gehalten und öffentliche Disputationen ausgetragen werden. Und schließlich sollten sich dort regelmäßig Ärzte einfinden, um Mittellose kostenlos zu behandeln.

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Dokument erstellt am 2015-04-13 16:11:07



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