• vom 26.04.2015, 09:00 Uhr

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Roman

Weltuntergang mit Joy Division




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Von Gerald Schmickl

  • Von wunderlicher Schönheit: "Winters Garten", Valerie Fritschs erster Roman bei Suhrkamp.



Dieses Buch ist ein kleines Wunder. Eigentlich sogar ein großes - dafür ist es jedenfalls ein kleines Buch. Aber eines von großer Wucht, bei dem man sich immer wieder in Erinnerung rufen muss, dass hier eine erst 25-jährige Autorin am Werke ist. Ihr lyrisch reifer Ton, ihre Sprachbilder und ihre Stimmungsfarben sind von solch gesetzter Schönheit und unglaublicher Sicherheit, dass die Frage des Schweizer Autors Jörg Laederach nur zu berechtigt scheint: "Was macht Valerie Fritsch im Rest ihres Lebens, wenn sie jetzt schon so gut ist?"

"Winters Garten", der erste Roman der jungen Grazerin bei Suhrkamp (nach einem bei Leykam, und zwei Bänden mit Reisebriefen/Bildern und Gedichten in diesem steirischen Verlag), ist nicht nur wunderlich, sondern auch rätselhaft. Er changiert zwischen Traum und Wirklichkeit, wobei sich diese beiden Aggregatzustände in einem höheren literarischen Sinn gewissermaßen aufheben, so wie auch andere Widersprüche und scheinbare Paradoxien, wie etwa jene einer leichten Schwere oder einer lichten Dunkelheit, in dieser kunstvoll fermentierenden Prosa problemlos zusammengehen.

Information

Valerie Fritsch
Winters Garten
Roman. Suhrkamp, Berlin, 2015, 154 Seiten, 17,50 Euro.

Valerie Fritsch liest am Montag, 27. 4., um 19 Uhr in der Alten Schmiede (Schönlaterngasse 9, 1010 Wien).


Man erlebt in diesem Buch nicht weniger als einen Weltuntergang. Alle Anzeichen deuten von Anbeginn darauf hin - und am Ende tobt er auch, der große Weltenbrand. Aber so wie hier alles vom ständigen Werden und Vergehen handelt, scheint auch die Welt den Untergang, der vielleicht nur ein geträumter ist, zu überleben.

Anton Winter, Vogelzüchter und Sohn eines Geigenbauers, dessen Schicksal man auf 154 Seiten gewärtig wird, der vom Garten der Großeltern mit all seinen kindlichen Sommeridyllen über eine namenlos bleibende, dem Untergang und Verfall geweihte Stadt (am Meer) letztlich wieder in diesen - nunmehr selbst verfallenden - Garten zurückkehrt, erwacht nach der großen Apokalypse jedenfalls wieder: "Nachdem die Welt untergegangen war, spielte es in Anton Winters Träumen Joy Division und Rachmaninow in den Morgenstunden. Er erwachte (. . . ) und blickte hinaus. Auf den Feldern gab es die Stille danach und dann: lange nichts."

Davor lernt Anton, der - wie es an einer Stelle heißt - "Einzigartigkeit wohl mit Einsamkeit verwechselt hatte", mit Frederike, die in einer Gebärklinik arbeitet (wenn man das in diesem Roman des exakten Ungefähren überhaupt so genau sagen kann) auch noch die Liebe kennen. Und schon lange hat man nicht mehr so schöne unverbrauchte Worte und Sätze über diese eine Liebe und über die Liebe im Allgemeinen gelesen. So wie andererseits auch über deren Ausbleiben und den generellen Verfall. Das Buch ist eine Feier des Vergehens, Verwitterns, Verfaulens, Verschimmelns und Verwesens, das allesamt - vermutlich bildreich inspiriert von den vielen Afrikareisen der akademischen Fotografin Fritsch - zu leuchtend neuem literarischem Leben erweckt wird.

Einmal heißt es, "sie lebten wie unter Glas" - und dieser Eindruck überwölbt das gesamte Buch. Es ist die Sprache, die hier teils wie ein Brennglas verwendet wird, um mit prismatischer Brechung für spezielle Färbungen und Hervorhebungen zu sorgen. So dicht ihre Metaphern auch sind ("pausenlos war sein Gedächtnis mit Vergleichen beschäftigt", heißt es von Anton Winter - und das trifft erst recht auf die Autorin zu), so sehr bleibt die Erzählerin zum Geschehen doch in Distanz. Daraus entsteht die somnambule Gesamtstimmung, die schwirrend-sirrende Atmosphäre.

Erst mit Fortdauer zoomt sich die Erzählerin ans literarisch Lebendigere heran. Der erste Dialog - auf Seite 69 - ist dann auch nur ein geträumter, bevor auf Seite 115 erstmals wirklich (aus-)gesprochen wird, und zwar von Anton und seinem plötzlich auftauchenden Bruder Leander (der schließlich wieder verschwindet, aber ein Kleinkind zurücklässt, dessen sich Anton und Frederike annehmen, um dann mit ihm in den Weltuntergang hineinzutaumeln - oder doch nur zu träumen?!).

Ein wunderliches, ein großartiges Buch.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-04-23 18:17:06
Letzte nderung am 2015-04-24 15:15:46



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