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Update: 26.08.2015, 17:30 Uhr

Philosophie

Reisende nach Syrakus




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Von Oliver vom Hove

  • Das Liebäugeln der Philosophen mit dem totalitären Denken.

Der Geist weht, wohin er will. Gefährlich oft weht er mit Sturmkraft in den lichtlosen Tunnel philosophischer Herrschaftsphantasien. Vor allem im 20. Jahrhundert ließen sich verheerend viele Denker ins ausweglose Dunkel totalitären Machtanspruchs treiben. Nicht dass dies ohne warnende Gegenstimmen geschah: 1927 hatte Julien Benda den "Verrat der Intellektuellen" angeprangert, und wachsame Geister wie Paul Valéry, Aldous Huxley oder José Ortega y Gasset waren damals gleichfalls auf der Hut vor geschlossenen Ideologie-Systemen. Willkür, Gewalt, blutrünstiger Terror zeigten sich unverhüllt im Gefolge solcher Gedankenmärsche.

Viel Schatten ist denn im Verlauf der vergangenen hundert Jahre auf manche Ideen-Erhitzer gefallen. Was brachte so eigenwillige Köpfe wie Martin Heidegger, Carl Schmitt, Walter Benjamin, Alexander Kojève, Michel Foucault oder Jacques Derrida dazu, die "Reise nach Syrakus" anzutreten oder zumindest solche Reisepläne zu erwägen? Mit diesem Syrakus-Beispiel, nachgebildet der verhängnisvollen Reise des Philosophen Platon zu dem sizilischen Tyrannen Dionysios, bezeichnet der US-amerikanische Ideengeschichtler Mark Lilla das politische Engagement namhafter europäischer Intellektueller für moderne Formen der Zwangsherrschaft. Immerhin wollte Platon in seiner "Politeia" einen Idealstaat, in dem Philosophen die Herrschaft innehaben.

Information

Mark Lilla: Der hemmungslose Geist. Die Tyrannophilie der Intellektuellen, übersetzt von Elisabeth Liebl, Kösel, 224 Seiten, 20,60 Euro


Messianisches Denken
"Zurück aus Syrakus?", fragte denn auch der Altphilologe Wolfgang Schadewald nicht ohne Häme 1934 seinen Philosophie-Kollegen Heidegger nach dessen Rektoratsabenteuer an der Freiburger Universität zu Beginn von Hitlers Gewaltherrschaft. Heidegger hatte geglaubt, den NS-Führer in seinem Sinn gängeln zu können.

Lilla zeigt in seinem Essay über die Beziehung Hannah Arendts zu Heidegger, dass die einstige Geliebte trotz ihrer emotionalen Bindung zu ihrem Lehrer nie dessen "Neigung zum Tyrannischen" verkannt hatte.

Gegner sind Feinde, Politik ist Kampf. So träufelte es Carl Schmitt, der verhängnisvolle "Kronjurist" Hitlers, in nicht weniger politische Hirne. Die Wirkungsgeschichte Schmitts reicht von Rechtsaußen bis extrem Links, und die Intoxikation hält bis heute an. Die Herkunft seines politischen Denkens aus theologischen Zielsetzungen teilte Schmitt mit dem jungen Walter Benjamin, der sich in seiner großen Untersuchung über den "Ursprung des Trauerspiels" stark von Carl Schmitt beeinflusst zeigte (was die ersten Herausgeber der Studie, das Ehepaar Adorno, durch Unterdrückung der entsprechenden Fußnoten konsequent zu verschleiern suchten).

Dem messianischen Denken, dem der junge Walter Benjamin anhing, frönte auch der russische Emigrant Alexandre Kojéve, der in Frankreich zum einflussreichen Hegelianer und Regierungsberater aufstieg. Mit Kojéve und Michel Foucault bringt Mark Lilla zwei Intellektuelle aus Frankreich ins Spiel, die sich Nietzsches "Willen zur Macht" zu eigen machten.

Alle diese Denker glaubten, man müsse den Staat mit jedem Mittel, auch mit diktatorischem, dazu zwingen, das Volk in die Richtung einer gerechteren Gesellschaft zu lenken. Sie hatten "eine Idee aufs Podest erhoben und die Gesellschaft nach deren Bild zu formen getrachtet", schreibt Lilla. Ihn beschäftigt der Kipp-Punkt, bei dem das Erkenntnisinteresse in Beherrschungswillen umschlägt.

"Die Tyrannei ist nicht tot"
Lillas Einzelporträts, die nur im Originaltitel "The Reckless Mind. Intellectuals in Politics" schlüssig zusammengefasst sind, machen schlagkräftig deutlich: Erst "Der unbekümmerte Geist" vermag die Meisterdenker über die freie Gedankenbahn der Utopie zum Liebäugeln mit totalitären Konzepten zu verführen.

In seiner von nüchternem angelsächsischen Geist diktierten Studie gibt Mark Lilla, der an der New Yorker Columbia Universität lehrt, am Ende zu bedenken: "Die Tyrannei ist nicht tot, nicht in der Politik und schon gar nicht in unserer Seele. Das Zeitalter der großen Ideologien mag vorüber sein, doch solange Männer und Frauen über Politik nachdenken können, wird die Versuchung lebendig sein, dem Zauber gewisser Ideen zu verfallen und uns selbst blind zu machen für das tyrannische Potenzial, das in ihnen steckt: Die Versuchung, unsere höchste Verantwortung preiszugeben, nämlich die, den Tyrannen in uns zu bekämpfen."




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-08-26 16:23:05
Letzte nderung am 2015-08-26 17:30:43



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