• vom 13.09.2015, 07:00 Uhr

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Todgeweihte auf Kreuzfahrt




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Von Otto A. Böhmer

  • In Alban Nikolai Herbsts Roman "Traumschiff" reisen 144 Sterbende um die Welt. Als Leser ist man für den fast heiteren Grundton, den der Autor anstimmt, dankbar.



Der Weg durchs Leben ist in der Regel zielorientiert: Am Ende wartet das Grab, wobei sich der Tod oft gar nicht mit Warten aufhält, sondern sein Geschäft gleich erledigt haben will; schließlich hat er, trotz Altersfrohsinn und Vermehrungswut des Menschen, durchweg gut zu tun, weswegen straff organisierte Betriebsamkeit nur von Vorteil sein kann. Das Leben, so betrachtet, gleicht einer offenen Baustelle, auf der es zwar Pleiten, Pech und Pannen, aber keinen echten Baustopp gibt. Man kann sich indes auch zu einer anderen Sicht der Dinge anhalten: Dann erscheint einem das Leben als geheimnisvolle, nicht recht einsehbare Zweckveranstaltung, die so lange geht, wie sie geht - Ende offen.

Für die Literatur ist die zweite Sichtweise ergiebiger, im Grunde auch verführerischer: Phantasie kommt ins Spiel, dazu die Einflüsterungen der Erinnerung, und manchmal gilt es auch nur von der einen vorauseilenden Angst zu berichten, die um das eigene Ableben kreist.


Der Schriftsteller Alban Nikolai Herbst (Jg. 1955) hat einen Roman vorgelegt, in dem es (u.a.) ums Sterben geht, das allerdings nicht an einem der dafür vorgesehenen Orte, einem Hospiz etwa, stattfindet, sondern in einer Umgebung, die eher für Freizeitvergnügen, Urlaub und generöses Versorgungsverhalten bekannt ist, nämlich an Bord eines Kreuzfahrtschiffes. Es sind genau 144 Passagiere, die als Todgeweihte um die Welt reisen. Sie haben, wie der Autor nicht müde wird zu betonen, das passende "Bewusstsein", wissen also, was auf sie zukommt, und wissen es letztlich doch nicht. Um sie herum pulsiert das Bordleben, es gibt jede Menge Servicepersonal, überwiegend osteuropäischer Abkunft; ein Hospital ist vorhanden, Ärzte verrichten ihren Dienst, und für die hartnäckigen Fälle, zu denen auch der Ich-Erzähler des Romans, ein nicht mehr ganz junger Mann namens Gregor Lanmeister zählt, sind speziell ausgebildete Pfleger abgestellt.

Lanmeister, im früheren Leben erfolgreich und skrupellos als Unternehmer tätig, hat anscheinend einen schweren Unfall hinter sich, bei dem er irreparable Schäden davongetragen hat. Er fertigt Aufzeichnungen an, die er in altmodischen Kladden niederlegt, aus denen hervorgeht, dass er irgendwann wohl zu verstummen beschlossen hat. Lanmeister fühlt sich insgesamt nicht unwohl; er ist, wie gesagt, kein einfacher Fall und wird dennoch gut betreut, was er lobend erwähnt. Ab und zu blitzen Fundstücke aus seinem früheren Leben auf; er erinnert sich an seine von Missverständnissen und mangelndem Einsatz geprägte Ehe, aus der ein Sohn hervorgegangen ist, um den er sich nicht so gekümmert hat, wie es wünschenswert gewesen wäre.

Überwiegend geht es aber um das Leben an Bord, das, in den Zirkeln der Abtrittskandidaten, eingeschliffenen Regeln folgt. Der Grundton, den Herbst anschlägt, ist ein fast heiterer, was den Leser dankbar stimmt, denn Geschichten vom Sterben und noch mehr solche von Krankheit und Siechtum sind für gewöhnlich nicht vergnügungssteuerpflichtig. Allerdings hätte der Autor sich noch lockerer machen können; er übertreibt es mit Andeutungen und Verrätselungen. So bleiben auch seine Hauptbezugspersonen, allen voran die junge, schlecht bezahlte Pianistin Kateryna, die Lanmeister auf seine Art zu lieben glaubt, und der immer wieder raunend erwähnte Monsieur Bayoun, sein "Lehrmeister und Freund", durchweg im Halbschatten.

Das ist schade; man hätte sich insgesamt mehr Offenheit gewünscht, aber die Literatur, die ambitionierte zumal, bewegt sich nun einmal eher ungern im rundum einsehbaren Gelände und bevorzugt Szenerien des Andeutungshaften und Zweideutigen.

Dem Leser macht das mehr Arbeit, als ihm lieb ist, aber er darf dabei auch auf Überraschungen und ungeahnte Einsichten hoffen. Herbst ist wohl insgesamt etwas zu streng mit sich umgegangen; dem Anekdotischen und Boshaften, das jedem Leben innewohnt, gibt er wenig Raum. Dabei hätte er Möglichkeiten dazu gehabt, wie er am Ende selbst einräumt: "Wenn ich mich richtig entsinne, hat einer meiner Freunde einmal gesagt, dass hinter allen Begebnissen des Menschenlebens eine Komik steht. (. . .) Aber ich weiß noch, damit nicht unbedingt einverstanden gewesen zu sein. Vielleicht habe ich sogar innerlich opponiert."

Die Mängelrügen müssen den Autor jedoch nicht stören; er hat ein bemerkenswertes, nachdenklich stimmendes Buch geschrieben, das, wie jedes Kreuzfahrtschiff auch, vom Meer getragen wird, vom dem sich sagen lässt, dass es, passend zum Verlagsnamen, der eigentliche Held ist.

Alban Nikolai Herbst: Traumschiff. Roman. Mare Verlag, Hamburg 2015, 320 Seiten, 22,70 Euro.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-09-11 13:50:06
Letzte nderung am 2015-09-11 14:10:16



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