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Josef Stalin

Der grausame "rote Zar"




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Von Wolfgang Taus

  • Die neue Biographie von Oleg Chlewnjuk beschönigt nichts am Charakter von Josef Stalin.

Moskau, 1. Mai 2015: Demonstration russischer Kommunisten mit Stalin-Bild.

Moskau, 1. Mai 2015: Demonstration russischer Kommunisten mit Stalin-Bild.© apa/epa/Maxim Shipenkov Moskau, 1. Mai 2015: Demonstration russischer Kommunisten mit Stalin-Bild.© apa/epa/Maxim Shipenkov

Im heutigen Russland unter Präsident Wladimir Putin, der alles daransetzt, um wieder zu alter Großmachtstärke nach dem Ende des Sowjetimperiums 1990/91 zurückzufinden, ist es wieder in Mode gekommen, an die "ruhmreichen Taten" Josef Stalins als Heerführer und "Vergrößerer" des sowjetrussischen Reichs, das mit Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 bis an die Elbe reichte, zu erinnern.

Wladimir Putin bezeichnete denn auch den Untergang der UdSSR als "Katastrophe", wobei die "einende Vaterfigur" Stalins als großer Sieger im Vaterländischen Krieg gewissermaßen der Kitt für ein neues russisch-nationalistisches Geschichtsbewusstsein ist. Zu den erhöhten russischen Geltungsansprüchen gehören aber auch Pläne für ein Einheits-Lehrbuch der Geschichte, das die ehemalige UdSSR in einer einzigen Gestalt erscheinen lässt: als Großmacht, die im Zweiten Weltkrieg gesiegt und Juri Gagarin in die Erdumlaufbahn geschossen hat.


Die Massenrepressalien der Stalin-Zeit werden eher als bedauerliche "Auswüchse" dargestellt und treten in der Gesamtschau in den Hintergrund. Stalin war ja auch dank der Vergrößerung seines Reiches ein "würdiger" Erbe der russischen Zaren. Nur die ideologische Fassade war eine andere. Auf einem Berliner Bahnhof am Vorabend der Potsdamer Konferenz 1945 stellte Averell Harriman, US-Botschafter in der damaligen UdSSR, Stalin die Frage, was für ein Gefühl es sei, als Sieger in der Hauptstadt eines besiegten Feindes anzukommen. Stalin antwortete: "Zar Alexander schaffte es den ganzen Weg bis Paris."

Der Georgier Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili - von seiner Mutter, Freunden und Genossen auch "Sosso" genannt - wandelte sich vom gelehrigen und fleißigen Schüler und Chorknaben im Priesterseminar in Tiflis zum Revolutionär, der schließlich durch perfide Gewalt- und Repressionsmethoden zum Alleinherrscher avancierte - zum "roten Zaren", der keine Probleme dabei hatte, die marxistische und die bolschewistisch-leninistische Lehre mit dem Imperialismus des Zarenreichs zu vereinbaren. Die Sowjetunion unter Stalin stieg schließlich zur atomar bewaffneten Supermacht neben den USA auf.

20 bis 25 Millionen Todesopfer
Der in der Ukraine geborene, führende russische Stalin-Experte Oleg Chlewnjuk legt - jenseits geschichtsbeschönigender Tendenzen unter russischen Historikern - eine inhaltlich wirklich tiefgehende Stalin-Biographie vor. Sie kann sicher den Standardwerken der Wissenschaft zu diesem Thema hinzugereiht werden. Wie schon der britische Historiker Simon Sebag Montefiore in seinem 2007 auf Deutsch erschienenen Stalin-Buch, so beleuchtet Chlewnjuk die Psychogenese jener zwielichtigen, schillernd despotischen Persönlichkeit, die niemals vor Bankraub, Schutzgelderpressung bis hin zu Terror und Mord zurückschreckte.

Die Gewaltriten, die in Stalins verborgen gehaltener Welt der kaukasischen Konspiration üblich waren, sollten sich später zur spezifischen Herrschaftskultur des Sowjetimperiums entfalten. Während Stalin über den Größenwahn anderer schrieb, fehlte ihm, der am Ende für den Tod von 20 bis 25 Millionen Menschen verantwortlich war, jegliche Selbsterkenntnis.

Lenin imponierte der energische und vielgesichtige Stalin "als Intelligenzler und als Mörder" in der außergewöhnlichen Verbindung von Erziehung (die er dem Priesterseminar verdankte) mit Straßengewalt. Stalin war "grausam und mitleidlos" veranlagt, schreibt Chlewnjuk. Von allen verfügbaren Methoden zur Lösung politischer, sozialer und ökonomischer Konflikte bevorzugte er den Terror - und er sah keinen Grund, sich dabei zu mäßigen.

Der "rote Terror", insbesondere in den Jahren 1936 bis 1938, hatte Methode und wurde als "Mittel des Klassenkampfes" institutionalisiert. "Die Zielvorgaben der Hinrichtungen hatten einen ähnlichen Charakter wie die für die Produktion von Getreide oder Metall", hält Chlewnjuk fest.

Ist Russland heute neuerlich in Gefahr, die Fehler des 20. Jahrhunderts zu wiederholen?

Sachbuch

Stalin - Eine Biographie

Oleg Chlewnjuk

Übersetzt von Helmut Dierlamm

Siedler, 592 Seiten, 30,90 Euro




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-09-28 15:44:04
Letzte nderung am 2015-10-28 18:11:06



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