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Update: 29.10.2015, 18:17 Uhr

Franz Josef Strauß

Bullig, trotzig, überempfindlich




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Von Wolfgang Taus

  • Hintergründige Biografie über den bayerischen Politiker Franz Josef Strauß und seine "Privatmoral".

Franz Josef Strauß (l.) machte auch mit dem DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker Geschäfte: "Rabiaten Pragmatismus im Umgang mit verbrecherischen Herrschern" nennt das sein Biograf.

Franz Josef Strauß (l.) machte auch mit dem DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker Geschäfte: "Rabiaten Pragmatismus im Umgang mit verbrecherischen Herrschern" nennt das sein Biograf.© apa/ADN Franz Josef Strauß (l.) machte auch mit dem DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker Geschäfte: "Rabiaten Pragmatismus im Umgang mit verbrecherischen Herrschern" nennt das sein Biograf.© apa/ADN

Bullig, trotzig nach außen hin, aber auch überempfindlich und gekränkt, wenn er seiner Meinung nach zu wenig Achtung beziehungsweise Dank von seinen Mitmenschen erhielt - so war er: Franz Josef Strauß.

Der 1915 Geborene war die Verkörperung des "Ur-Bayern", zählte aber auch beim politischen Wiederaufbau nach 1945 zum reformorientierten, weltaufgeschlossenen Motor in der neu gegründeten CSU in Bayern und kämpfte gegen die "Herrgottswinkel"-Mentalität vieler katholisch-konservativer Parteikollegen an.


Strauß war auch der "Drängler" nach oben in die politischen Ämter der Machtgestaltung, der gefragte Einpeitscher der Opposition, CSU-Vorsitzender von 1961 bis zu seinem Tod 1988, bayerischer Ministerpräsident (1978-1988) und viermaliger deutscher Bundesminister in den 50er und 60er Jahren - ihm hat der deutsche Politologe Peter Siebenmorgen eine sehr hintergründige Biografie gewidmet, die sicher in die Reihe der Standardwerke Zugang finden wird.

Rechtlich bedenkliche Rüstungslieferungen
Anhand von umfangreichen Quellen, unter anderem dem Nachlass von Strauß und den Tagebüchern seiner Frau Marianne, wird ein minutiöses Puzzle der "öffentlichen Existenz" und des Menschen Franz Josef Strauß in seiner mehr als begrenzten Privatsphäre aufgelegt. Seine Leidenschaft war das politische Geschäft, für das er das Privat- und Familienleben lange Zeit hintanhielt. Erst mit über 40 Jahren heiratet der langjährige Junggeselle Strauß, der nie ein Kind von Traurigkeit war - auch beim weiblichen Geschlecht nicht -, seine Marianne Zwicknagl, Tochter eines erfolgreichen Brauunternehmers und studierte Diplom-Volkswirtin.

Der Autor schildert den steilen politischen Aufstieg dieses Mannes und verschweigt daneben nicht seinen übermäßigen Alkoholkonsum, die späteren Ehe-Nöte seiner Frau Marianne, die politischen Affären, Gerüchte und Vorwürfe, die seine schillernde Karriere begleiteten. Im Zusammenhang mit dem Geheimprojekt von Rüstungslieferungen an Israel legt Siebenmorgen dar, dass das Verhalten von Strauß in diesem Fall "rechtlich gravierender und strafbewehrter" war als sein Verhalten in der späteren "Spiegel"-Affäre.

Der Fleischhauerssohn Strauß war ein ausgezeichneter Schüler und erlangte im Rahmen seines altphilologischen Studiums ein tiefes Verständnis für humanistische Werte. In späteren Jahren verband Strauß unter anderem mit dem ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger, den er bewunderte, die Zugehörigkeit zur Denkrichtung des "Politischen Realismus".

Von Anfang an ist Strauß ein Anhänger der europäischen Integration und ein "konservativer Modernisierer", etwa, was seine atomaren Ambitionen als bundesdeutscher Verteidigungsminister anging, seiner Meinung nach "eine Frage der Gleichberechtigung der Bundesrepublik im westlichen Bündnis". Seine Gegnerschaft zur Ostpolitik der späteren sozialliberalen Regierung und seine "Dauerrivalität" zu CDU-Chef Helmut Kohl, dem er in den 70er Jahren attestierte, dass "der Kohl nie Kanzler werden" würde, werden von Siebenmorgen glänzend beschrieben.

Er polarisierte, sah sich aber selbst als "Integrator"
Nach seiner Niederlage bei der Bundestagswahl 1980 gegen SPD-Kanzler Helmut Schmidt schien Strauß gebrochen, auch wenn dann noch eigenwillige, aber erfolgreiche Jahre als Modernisierer Bayerns folgten, bei denen er nicht unumstrittene "Außenpolitik von Bayern aus" betrieb.

Im Grunde habe Strauß ein gewisses "soziales Gespür" gefehlt, so der Autor und benennt etwa den "rabiaten Pragmatismus im Umgang mit verbrecherischen Herrschern in der Welt" oder die "gewisse Selbstverständlichkeit im Umgang mit Geld nach Maßgabe seiner Privatmoral".

So schrieb er selbst einmal über sich: "Strauß, der im öffentlichen Urteil als der große Polarisator erscheint, ist in Wirklichkeit der große Integrator, der alle Strömungen in sich zusammenfasst und Gegensätze zum Ausgleich zu bringen weiß."

Über alle Höhen und Tiefen hinweg blieb er ein "Kind des Volkes" mit Temperament im Übermaß: Doch "gekrümmtes Blech", das war er nie.

Sachbuch

Franz Josef Strauß.

Ein Leben im Übermaß

Peter Siebenmorgen

Siedler Verlag, 768 Seiten,

30,90 Euro




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-10-11 15:41:05
Letzte nderung am 2015-10-29 18:17:06



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