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Update: 12.10.2015, 16:51 Uhr

Papst

Pro und kontra Franziskus




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Von VonHeiner Boberski

  • Reformbefürworter erhoffen eine Wende im Vatikan, Skeptiker prügeln den Papst wie die ganze Kirche.

Der Papst steht ständig im Brennpunkt, auch bei der laufenden Bischofssynode. - © apa/epa/Ettore Ferrari

Der Papst steht ständig im Brennpunkt, auch bei der laufenden Bischofssynode. © apa/epa/Ettore Ferrari

Ist die römisch-katholische Kirche ein Auslaufmodell, mit dem es gemäß der Säkularisierungsthese zu Ende geht? Der Pastoraltheologe Paul Zulehner betitelt sein neues Buch provokant "Auslaufmodell", gibt dem Wort aber eine andere Bedeutung: Für ihn ist die Kirche im Begriff, aus einem sicheren Hafen auszulaufen. Und er geht der Frage nach, wohin sie der neue Steuermann, Papst Franziskus, lenkt. Dass dessen Ansatz zu Reformen in konservativ-katholischen Kreisen auf heftigen Widerstand stößt, verhehlt Zulehner nicht. Es bestehe die Gefahr, dass der Papst überhöhte Erwartungen letztlich enttäuschen muss.

Dass die Kirche, wie auch die gerade in Rom tagende Bischofssynode zu Fragen von Ehe und Familie zeigt, in Bewegung geraten ist, spiegeln viele neue Bücher seit der letzten Papstwahl wider. Zulehner sieht Franziskus als einen Papst, der den Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils wieder anfachen möchte, der mit seinem Lebensstil und seinem Wunsch nach einer "armen Kirche für die Armen" auf der Linie des damals geschlossenen "Katakombenpakts" liegt.

Information

Sachbücher
Auslaufmodell. Wohin steuert Franziskus die Kirche?
Paul Zulehner
Patmos, 176 Seiten, 17,50 Euro

Die letzten Päpste. Ein theologischer Neustart für die Kirche.
Wolfgang Bergmann
Czernin, 136 Seiten, 19,90 Euro

Papst Franziskus. Die kritische Biografie.
Hubertus Mynarek
Tectum, 336 Seiten, 20,60 Euro


Für eine Kirche des Erbarmens
Zulehners offensichtlich noch vor der aufsehenerregenden Umwelt-Enzyklika "Laudato si" entstandenes Buch würdigt den Einsatz des Papstes für Frieden aus Gerechtigkeit, für Ökologie, für Kirchenreformen. Zu einem der meistzitierten Franziskus-Sätze, "Diese Wirtschaft tötet", aber auch zu vielen anderen aktuellen Fragen liefert Zulehner lesenswerte Gespräche mit dem früheren Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und dem deutschen Jesuiten und Sozialethiker Friedhelm Hengsbach.

Zulehner plädiert für eine Kirche des Erbarmens - auch im Kontext mit Fragen von Ehe und Familie, wie sie gerade in Rom diskutiert werden. Dass der Papst dem Zeitgeist nachgebe, weist der Pastoraltheologe zurück: "Er kapituliert nicht vor dem Zeitgeist, sondern vor dem Evangelium."

Unter dem Titel "Die letzten Päpste", der sich auf eine von Franziskus angesprochene "Neuausrichtung des Papsttums" bezieht, fordert Wolfgang Bergmann, "Standard"-Geschäftsführer und Theologe, einen "theologischen Neustart für die Kirche". Für ihn markieren Benedikt XVI. als "der letzte Monarch" und Franziskus als "Mystiker mit Potenzial" eine Wende in der Geschichte der unter "Midlife-Crisis" leidenden Kirche. Die drei evangelischen Räte - Gehorsam, Keuschheit und Armut - seien als Grundpfeiler der Institution morsch geworden, seit dort überschießende Machtausübung, Sex-Skandale und internationales Finanzjonglieren diese Ideale ins Gegenteil verkehrt haben.

Aktuelle Wendepunkte sieht Bergmann durch eine neue Sicht der Partnerschaft, eine Entmächtigung der Hierarchie, die Abschaffung des Pflichtzölibats, ein selbstverständliches Schuldbekenntnis und - mit Blick auf die gleiche Würde aller Menschen - die Zulassung von Frauen zum Priestertum.

Abschließend will Bergmann "zurück zu einer einfachen Theologie", die er dann auch in einigen Punkten - nicht ohne Selbstironie - darstellt: "Ein Gott, der Theologen braucht, hat möglicherweise ein Kommunikationsproblem." Vielleicht seien aber die Theologen auch nur "jene Spezies, die versucht, sich wichtigmachend zwischen die Menschen und Gott zu drängen" und "so erst das Kommunikationsproblem erzeugt".

Lässt bei Bergmann sein theologischer Neustart die im Titel genannten "letzten Päpste" in den Hintergrund treten, so ist in der kritischen Biografie "Papst Franziskus" von Hubertus Mynarek der Papst selbst bald nur noch eine von vielen Zielscheiben in einer Rundumattacke gegen Jesuiten, Klerus und das ganze Christentum. Der Autor, ehemals Dekan der Wiener Katholisch-Theologischen Fakultät, ist schon 1972 aus der Kirche ausgetreten und wühlt, einmal mehr, einmal weniger treffsicher, genüsslich in ihren Schwächen und Wunden. Er erweist sich als Pantheist, den natürlich Welten vom heutigen Papst trennen.

Sachbücher

Auslaufmodell. Wohin steuert Franziskus die Kirche?

Paul Zulehner

Patmos, 176 Seiten, 17,50 Euro

Die letzten Päpste.

Ein theologischer Neustart für die Kirche.

Wolfgang Bergmann

Czernin, 136 Seiten, 19,90 Euro

Papst Franziskus.

Die kritische Biografie.

Hubertus Mynarek

Tectum, 336 Seiten, 20,60 Euro




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2015-10-12 16:33:08
Letzte nderung am 2015-10-12 16:51:13



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