• vom 07.11.2015, 10:00 Uhr

Bücher aktuell


Literatur

Im Erinnerungsrausch




  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Alexander Peer

  • Marianne Jungmaiers Debütroman "Das Tortenprotokoll".

Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schreiben. Der Tod der Großmutter führt die Erzählerin Friederike zurück in die Provinz, in die Kindheit. Geflüchtet ist sie vor der Stummheit in der Familie, im Dorf, vor diesem der-Heimat-fremd-sein. Im Debütroman "Das Tortenprotokoll" von Marianne Jungmaier ist das Erinnern schmerzhaft und befreiend zugleich. Programmatisch beginnt der Text mit dem Satz "Ich erinnere meine Großmutter in Details".

Der aufmerksame Blick für die staubbedeckten Marmeladegläser im Keller, die gelben Früchte in den Kronen der Kirschbäume, die den Vierkanter säumen, und den Gram, der die Großmutter einschloss mehr und mehr. Der Titel des Buches ist einer Sammlung von Rezepten zu verdanken, die Friederike in der Hinterlassenschaft der Verstorbenen entdeckt.



Exemplarisch ist das Backen für den Willen, Sinnlichkeit zu erfahren, wenn sie schon anders versagt bleibt. Anderen Zuneigung zu zeigen, geht anscheinend nur durch Süßes. Während der konzentrierte, manchmal gar autistische Blick der Erzählerin ein Familienbild generiert, in welchem jedem seine eigene Einzelhaft zugeschrieben wird, findet sie in Tobi (Tobias) einen Verbündeten von Kindheitstagen an. Am Beginn ein Seelenverwandter, dann ein Geliebter. Fast inzestuös mutet sie an, diese Beziehung von Kindern erst, Jugendlichen später, die zwar nicht direkt verwandt sind, jedoch durch die Verhältnisse im Dorf einander schicksalhaft verbunden sind. Zur Identifikation der Enkelin Friederike mit der Großmutter trägt auch die Namensgleichheit bei, aber mehr noch die Entdeckung einer geheimen Liebe, die fast als Spiegelbild von Friedrikes und Tobis Beziehung anmutet.


Es ist eine opulente Sprache, die Jungmaier entwickelt hat, um den Mikrokosmos dieses Lebens mit großer Genauigkeit zu entfalten. An jedes Ding sind Geschichten geknüpft, deren Knoten Friederike löst und freigibt. Interessant ist, dass der Zweite Weltkrieg, ein riskanter und mitunter schon leerer Topos, um das Verschwiegene zu kennzeichnen, hier nicht zum Grund und Maßstab des Schweigens wird. Das Schweigen der Familie braucht kein Weltereignis. Es ist außerdem bereits die Zeit der Nachgeborenen, von einer Generation wird erzählt, die den Krieg bloß im Kindesalter erfahren hat, und die sich der wirtschaftlichen Not dieser Nachkriegsära stellen musste. Die griechische Göttin Mnemosynegilt als Mutter der neun Musen und besetzt in der europäischen Kultur das archaische Bild der Erinnerung. Sich-Erinnern ist jedoch nicht nur ein fragmentarisches Einsammeln dessen, was geschah. Erinnerung in einem größeren Kontext bedeutet, eine Einheitlichkeit wieder zu erlangen, die verloren gegangen ist. Jungmaier schafft eine im Erinnerungsrausch befindliche Erzählerin, die in dem Bild der Großmutter deren Andenken wahrt, sie vor dem Vergessen schützt und sich gleichzeitig daraus löst.

Die Autorin präsentiert ihr Buch am Samstag, 14. 11., 13.30 Uhr, auf der BUCH WIEN, Literaturcafé.

Marianne Jungmaier

Das Tortenprotokoll

Roman. Kremayr & Scheriau, Wien 2015, 208 Seiten, 19,90 Euro.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-11-05 17:17:05
Letzte nderung am 2015-11-05 17:45:27



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Vor uns der "Draghi-Crash"?
  2. "Unvorstellbar, dass man sich widersetzt"
  3. Ein Buch spielt mit sich selbst
Meistkommentiert
  1. Der erfüllte Augenblick
  2. "Unvorstellbar, dass man sich widersetzt"
  3. Psychogramm eines Verbrechers

Werbung




Werbung