• vom 16.11.2015, 15:58 Uhr

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Update: 16.11.2015, 16:08 Uhr

Franz Joseph I.

Bürokrat auf dem Kaiserthron




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Von Friedrich Weissensteiner

  • Eine hervorragende Biographie über Kaiser Franz Joseph I., dessen 100. Todestag bevorsteht.

Franz Joseph I. blieb wirklich nichts erspart.

Franz Joseph I. blieb wirklich nichts erspart.© Wiener Zeitung/Archiv Franz Joseph I. blieb wirklich nichts erspart.© Wiener Zeitung/Archiv

Nach meinem Dafürhalten waren die beiden ersten Jahrzehnte, die Zeit von seiner Thronübernahme Anfang Dezember 1848 bis zum sogenannten Ausgleich mit Ungarn im Dezember 1867, die wichtigsten Jahre in der langen Regierungszeit Kaiser Franz Josephs I.

In diesen beiden Dezennien fielen eminent bedeutsame Entscheidungen: die Niederschlagung der Revolution in Ungarn und Italien, die gewaltsame Auflösung des Kremsierer Reichstages, der einen vielversprechenden Verfassungsentwurf zur föderativen Umgestaltung der Monarchie erarbeitet hatte, die Wiederherstellung der Machtbefugnisse des Kaisers (Neoabsolutismus), das Libényi-Attentat auf den Herrscher, das Konkordat mit dem Vatikan, das undiplomatische Verhalten Österreichs im Krimkrieg, die militärischen Niederlagen bei Magenta und Solferino im Krieg gegen das mit Frankreich verbündete Sardinien-Piemont, die den Verlust der Lombardei nach sich zogen, das militärische Desaster in der Schlacht bei Königgrätz gegen die preußische Armee, das weitgehende außenpolitische Folgen hatte und zum Umbau des Gesamtstaates führte. Aus dem habsburgischen Kaiserreich wurde die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie. Franz Josef musste ab nun nolens volens konstitutionell regieren.


Hohe inhaltliche Kompetenz
Familiär fielen in diesen Zeitraum die unglückselige Heirat des Kaisers mit seiner zeitlebens geliebten "Sisi" und die Geburt des Thronfolgers. Das prominente Historikerduo schildert diese und andere Begebenheiten mit hoher inhaltlicher Kompetenz, wissenschaftlicher Akribie und sprachlicher Prägnanz. Diese Feststellung gilt selbstredend durchgängig für die gesamte Textgestaltung des Buches.

Nach dem Verlust der Großmachtstellung im deutschen Raum und der machtpolitischen Verdrängung aus der Apenninenhalbinsel nach der nationalstaatlichen Einigung Italiens verlagerte der habsburgische Vielvölkerstaat den Schwerpunkt seiner Außenpolitik auf den Balkan, wo er auf die Gegnerschaft des Zarenreiches stieß. Bei der territorialen Neuordnung des Balkans wurde auf dem Berliner Kongress 1878 Österreich-Ungarn die Verwaltung von Bosnien-Herzegowina zugesprochen, das es 30 Jahre später annektierte. Es war die einzige, nicht unumstrittene Gebietserweiterung der Franz Joseph-Ära. Danach ging der Kaiser eine enge Bindung an das Deutsche Reich ein (Zweibund), dem sich später Italien anschloss. Am Wettlauf der Großmächte um Kolonien beteiligte sich die Monarchie nicht.

Innenpolitisch war die späte Regierungszeit des Kaisers vom Nationalitätenkonflikt, der Bildung neuer Parteien (Christlichsoziale, Sozialdemokraten, Deutschnationale) und vom Kampf um das allgemeine und gleiche Wahlrecht geprägt. Von seinem Recht, die Regierung ein- und abzusetzen, machte Franz Joseph reichlich Gebrauch. Länger als ein paar Jahre hielten sich lediglich der Liberale Carl Auersperg, Eduard Graf Taaffe und Ernst von Koerber im Amt. Von der Fin-de-Siècle-Kultur, die zur Jahrhundertwende großartige Leistungen in der Musik, der Literatur und der Malerei erbrachte, nahm der amusische Kaiser kaum Notiz.

Liebschaften und Eskapaden
Breiten Raum in der Darstellung geben die beiden Autoren den Ereignissen in der Familie. Die Liebschaften Franz Josephs (Anna Nahowski, Katharina Schratt) werden ebenso detailliert thematisiert wie die zahlreichen Todesfälle (Eltern, Attentat auf Sisi, Selbstmord Rudolfs), die ihm sehr nahe gingen, und etwa auch die zahlreichen Eskapaden von Erzherzogen (Johann Orth, Leopold Wölfling), die das Ansehen des Erzhauses schädigten.

Dem Kaiser blieb wirklich nichts erspart. Abschließend ist noch auf das erhellende Einleitungskapitel hinzuweisen, welches der Erziehung, der Charakterbildung und der weltanschaulichen Ausrichtung des Heranwachsenden gewidmet ist.

Das inhaltsreiche Buch ist mit Zitaten aus Tagebüchern, Briefen, Memoiren der Zeitgenossen und aus Passagen der einschlägigen Literatur reichlichst gewürzt, die sich nahtlos in der Text einfügen. Es dürfte den Reigen der Darstellungen einläuten, die anlässlich des 100. Todestages des Herrschers zu erwarten sind.

Sachbuch

Franz Joseph I.: Kaiser von Österreich und König von Ungarn

Michaela und Karl Vocelka

C.H Beck Verlag, 358 Seiten, 26,95 Euro




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-11-16 16:02:05
Letzte nderung am 2015-11-16 16:08:05



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