• vom 22.11.2015, 16:30 Uhr

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Stahlharte Gedanken




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Von Hermann Schlösser

  • Boris Sawinkows Terrorismus-Roman "Das fahle Pferd" aus dem Jahr 1913 wurde wieder aufgelegt.

Der elegante Terrorist Boris Sawinkow im Jahr 1917. Foto: Hutton-Deutsch Collection/ Corbis

Der elegante Terrorist Boris Sawinkow im Jahr 1917. Foto: Hutton-Deutsch Collection/ Corbis Der elegante Terrorist Boris Sawinkow im Jahr 1917. Foto: Hutton-Deutsch Collection/ Corbis

"Das fahle Pferd" ist ein literarisch großartiger Roman und eine moralische Zumutung zugleich. Denn hier wird in eisgekühlter Brillanz das Töten proklamiert. Dabei geht es nicht um den politischen Terror als Mittel zur Durchsetzung wünschenswerter Ziele, sondern um das Töten als Lebenszweck. In Alexander Nitzbergs neuer Übersetzung des Buchs liest sich das beispielsweise so: "Der morgige Tag gehört uns. Stahlhart erhebt sich ein scharfer Gedanke. Der Gedanke an den Mord. Es gibt keine Liebe, es gibt keine Welt, es gibt kein Leben. Es gibt nur den Tod. Der Tod ist die Krone, die Dornenkrone."

Der Mann, der solche dornengekrönten Mordgedanken hegt, ist Russe, gibt sich aber meist als Engländer namens George O’Brian aus. Er lebt in diversen Moskauer Hotels und seine Hauptbeschäftigung besteht darin, Attentate auf maßgebliche Politiker des zaristischen Russland zu planen - durchgeführt werden sie freilich nicht von ihm, sondern von einer kleinen Gruppe entschlossener Kämpfer, die idealistischere Motive haben als ihr Chef, dessen Befehlen sie jedoch bedingungslos folgen.

Information

Boris Sawinkow
Das fahle Pferd
Roman eines Terroristen. Aus dem Russischen von Alexander Nitzberg. Mit einem Dossier von Alexander Nitzberg und Jörg Baberowski. Galiani Verlag, Berlin 2015, 288 Seiten, 23,70 Euro.


Apokalyptisch



Im Besonderen geht es um die Ermordung eines nicht näher bezeichneten "Generalgouverneurs". Der Erzähler und seine Genossen beschließen den Tod dieses hohen Beamten, und es zeigt sich, dass sie sich dabei als Vollstrecker eines höheren, unbedingten Willens verstehen. Schon der Titel "Das fahle Pferd" spielt auf einen der todbringenden apokalyptischen Reiter in der "Offenbarung des Johannes" an. Doch geistern auch mehrere wörtliche Übernahmen aus der Bibel durch den Roman, unter anderem diese: "Wer das Schwert ergreift, soll fallen durch das Schwert. So steht es geschrieben im Buch des Lebens. Wir werden es auftun und die Siegel lösen: Der Generalgouverneur ist ein toter Mann."

Während also im Subtext das biblische Pathos rumort, schildert der Text in technischer Präzision, wie ein effizienter Terrorist seine Attentate vorbereitet: Die Lebensgewohnheiten und Amtswege des Gouverneurs werden erkundet, Bomben werden gebaut, ein günstiger Zeitpunkt wird ausgesucht. Dann schleudert einer der Kämpfer die Bombe in die Kutsche des Opfers, wobei er nicht nur alle anderen Anwesenden in Lebensgefahr bringt, sondern auch sich selbst. Aber die russischen Schreckensmänner, von denen hier berichtet wird, fürchten den eigenen Tod nicht - an manchen Stellen des Buches drängt sich der Gedanke auf, dass sie ihn insgeheim suchen.

Der Anschlag gelingt nicht sofort, zwei Versuche schlagen fehl, die Zeitung berichtet schon erleichtert, dass die Gefahr gebannt sei - da explodiert die Bombe schließlich doch, der Generalgouverneur stirbt. Der christliche Sozialist Wanja, der die entscheidende Ladung geworfen hat, wird gefangen genommen. Aus dem Gefängnis schreibt dieser sehr Dostojewski-artige Held an seinen Kommandeur einen bekenntnishaften Brief, in dem er sich sozusagen zum Selbstmordattentäter im Namen der Liebe ernennt: "Ich glaube fest: Nicht durch das Schwert, vielmehr durch die Liebe wird die Welt erlöst, die Liebe wird alles wieder herrichten. Aber ich fand in mir keine Kraft, im Namen der Liebe zu leben - ich wusste: Ich kann, ja, ich muss in ihrem Namen sterben." Dass dieser verquere Liebestod auch unbeteiligten Menschen das Leben kostete, wird nicht weiter beachtet. Der Empfänger des Schreibens nimmt diese gefühlvollen Deklamationen seines todgeweihten Freundes im Übrigen nicht sonderlich ernst.

Liebe und Eifersucht
Dennoch hat auch der Stratege des Terrors sein Problem mit der Liebe, deren Existenz er ja eigentlich bestreitet. Zwei Frauen spielen in seinem Leben eine Rolle. Die Chemikerin Erna, die im Kommando für die sachgemäße Herstellung der Bomben zuständig ist, liebt ihn und möchte wiedergeliebt werden. Er schläft auch mit ihr, macht sich aber über ihre unsachliche Sehnsucht nach Gefühlen lustig. Liebe? Nichts für ihn.

Natürlich erzählt der kühle Liebhaber seiner Freundin Erna nicht, dass es auch eine Jelena mit einem "herrlichen Körper" gibt, die er durchaus liebt. Jelena ist eine freigeistige, emanzipierte Frau, die es für möglich hält, mit einem Mann verheiratet zu sein, und mit einem anderen, nämlich dem falschen George O‘Brian, ein leidenschaftliches Verhältnis zu haben. Diese Haltung müsste dem rationalen Beherrscher der Gefühle eigentlich entsprechen, und doch erträgt er das Dreiecksverhältnis nicht. "Ich kann nicht küssen, wenn ein anderer küsst", denkt er eifersüchtig, tötet den Ehemann Jelenas im Duell, und zerstört damit die einzige Liebe seines Lebens.

Am Ende zeigt der Mordprofi eine Art Schuldgefühl. Der letzte Satz des Romans deutet an, dass das nächste und letzte Opfer seiner Mordlust er selbst sein wird.

All das berichtet der Hauptakteur selbst, und zwar in Form eines stilisierten Tagebuchs, das vom 6. März bis zum 5. Oktober reicht. Das Jahr des Geschehens bleibt ungenannt, doch sprechen die Indizien dafür, dass der Roman 1905 spielt: In diesem Jahr erlebte Russland seine große Niederlage gegen Japan in der Seeschlacht bei Tsushima - dieses Ereignis wird im Text erwähnt. Und in demselben Jahr ermordete ein Terroristenkommando in Moskau den Großfürsten Sergej, einen Onkel des Zaren.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-11-20 15:44:05
Letzte nderung am 2015-11-20 16:27:08



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