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Russland

Für Demokratie wenig übrig




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Von Wolfgang Taus

  • Die deutsche Autorin Katja Gloger über Wladimir Putin, einen Mann mit vielen Eigenschaften.

Von Wladimir Putin lässt sich Angela Merkel nicht gerne zeigen, wo es langgeht.

Von Wladimir Putin lässt sich Angela Merkel nicht gerne zeigen, wo es langgeht.© apa/epa/Sergei Chirikov Von Wladimir Putin lässt sich Angela Merkel nicht gerne zeigen, wo es langgeht.© apa/epa/Sergei Chirikov

"Solange es Wladimir Putin gibt, gibt es auch Russland. Ohne Putin - kein Russland." Mit diesem propagandistischen Wahlspruch soll das "System Putin", die "Vertikale der Macht" - bestehend unter anderem aus ihm loyalen Getreuen aus Geheimdienst- und Sicherheitsapparat sowie linientreuen Oligarchen -, gewissermaßen alternativlos "verewigt" werden.

Nach seiner Wiederwahl als russischer Präsident 2012 hat er die "Ministerien der Macht" (Innenministerium, Geheimdienste, Militär, Rüstungsindustrie, dazu Staatsanwaltschaft und Steuerfahndung) mit loyalen Mitarbeitern besetzt. Als Großunternehmer und "Unternehmerbürokraten" (hochrangige Beamte mit kommerziellen Aufgaben und Ambitionen) exportieren sie Erdöl und Erdgas, kontrollieren das russische Pipelinenetz, Häfen und Eisenbahnen, Banken und Medien.

Information

Sachbuch
Putins Welt
Katja Gloger
Berlin Verlag, 352 Seiten,
18,50 Euro


Wie aus dem Nichts wurden viele von ihnen zu Milliardären; die Konten offshore; Immobilien auch im Londoner Stadtteil Belgravia; die Kinder auf Elite-Internaten in der Schweiz. Es herrscht gewissermaßen "Kapitalismus für Freunde", wie es Putins ehemaliger Ministerpräsident Michail Kassajnow einmal nannte. Putin (Jahrgang 1952) propagiert Russland als "demokratisches Land".

Es geht ihm um Kontrolle
Doch wenn es um die Restauration russischen Großmachtanspruches in der Welt geht, hat er oft für das "Räderwerk demokratischer Gesellschaften" wenig Verständnis. Sie waren weder Modell noch Vorbild für ihn, meint die renommierte deutsche Fachjournalistin Katja Gloger.

Sie liefert eine gute aktuelle Zeitanalyse von Putins Russland als eine "revisionistische Ordnungsmacht" auf einem eigenen eurasischen Kontinent, als moralischer und politischer Gegenpol mit eigener zivilisatorischer Mission in Abkehr vom Westen. Als langjährige Russland-Korrespondentin des Wochenmagazins "Stern" hatte sie den Aufstieg Putins zur Macht erlebt. Die, die Putin kennen oder zu kennen glauben, beschreiben ihn als ebenso hellwachen wie skrupellosen ehemaligen KGB-Mann. Seine sowjetische Sprache ist die Sprache der Geopolitik - gepaart mit einem harten Pragmatismus, der an Zynismus grenze.

Aber Putin ist kein Zyniker, hält die Autorin fest. Es gehe ihm um Kontrolle. Er drückte dies schon einmal so aus: "Im Kreml kontrolliert mich niemand. Hier kontrolliere ich alle anderen." Putin gehe es in erster Linie um ein neues Gleichgewicht der Macht - die legitime Einflusssphäre der einst imperialen russischen Großmacht in den ehemaligen Sowjetrepubliken. Eine Lebenslehre aus dem Prozess zur deutschen Einheit in der Nato zog jedenfalls jener KGB-Offizier Putin, der den Fall der Mauer 1989 in Dresden erlebt hatte. Nie wieder sollte Russland in eine solche Lage geraten - vom Westen abhängig, "im Zweifel verraten und verkauft", hält Gloger fest.

Was man im Westen lange nicht verstand: Putin ist nicht die Ausnahme russischer Politik und auch nicht der "Deutsche" im Kreml. Die Ausnahme, der "Deutsche" im Kreml, das war eher der ehemalige KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow im Zuge des deutschen Wiedervereinigungsprozesses. Putin hingegen sei ein Mann mit vielen Eigenschaften, der eine "tiefsitzende, kollektive Sehnsucht nach Wiederauferstehung und Revanche" in sich vereine, so die Autorin.

Dennoch ist für Putin Deutschland - nicht die USA - "das Tor zur Welt". Auf die "Kumpeljahre" mit seinem Freund, dem ehemaligen deutschen Kanzler Gerhard Schröder (SPD), folgten deutlich abgekühlte deutsch-russische Beziehungen mit dessen Amtsnachfolgerin Angela Merkel (CDU). Ein gutes Verhältnis haben Putin und Merkel, die jeweils auch die andere Landessprache sprechen, noch nie gehabt, trotzdem respektiere man sich. Es war jedenfalls eine Fehlkalkulation Putins gegenüber Merkel in der Ukraine-Krise, dass sie nicht, wie er glaubte, die Verletzung der Grenzen eines souveränen Staates hinzunehmen bereit war. "Strategische Geduld" sei gegenüber Russland angesagt, um gemeinsam mit Russland Gewalt durch Recht zu ersetzen.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-11-30 16:56:07
Letzte nderung am 2015-11-30 17:45:15



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