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Papst Franziskus

Der Papst der verlorenen Söhne




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Von Heiner Boberski

  • Das Buch "Der Name Gottes ist Barmherzigkeit" offenbart die Kernbotschaft von Franziskus.

Kein Papst der kleinen Schritte: Franziskus.

Kein Papst der kleinen Schritte: Franziskus.© Reuters/Max Rossi Kein Papst der kleinen Schritte: Franziskus.© Reuters/Max Rossi

"Die Botschaft Jesu ist die Barmherzigkeit. Für mich, und das sage ich in aller Demut, ist dies die stärkste Botschaft des Herrn." Diese Worte sprach Papst Franziskus am 17. März 2013 in seiner ersten öffentlichen Messe nach seiner Wahl zum Bischof von Rom aus. Seine damalige Predigt galt jener Stelle im Johannes-Evangelium, in der Jesus eine Ehebrecherin vor der Steinigung bewahrt, indem er deren Ankläger auffordert: "Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie." Als daraufhin einer nach dem anderen tatenlos verschwindet, sagt er zu der Frau: "Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr."

Es gibt sehr schmale Bücher, die mit schlichten Aussagen mehr Wirkung erzielen als dicke Wälzer mit einer Fülle von Informationen. Zu diesen Werken gehört offenbar das jüngst erschienene Bändchen "Der Name Gottes ist Barmherzigkeit", das ein Interview des italienischen Journalisten Andrea Tornielli mit Papst Franziskus zu dieser Thematik enthält. Tornielli erinnert zunächst an Aussagen des Papstes zur genannten Bibelstelle, in denen dieser betonte, Jesus gehe mit seiner Barmherzigkeit über das Gesetz hinaus: "Er verzeiht, indem er sachte über die Wunden unserer Sünden streicht."


Epochale Wende
Aus Sicht Torniellis ist es logisch, dass Franziskus ein außerordentliches Heiliges Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen hat, denn diese Botschaft nahm in seinen Predigten seit jeher eine zentrale Stellung ein. Für Papst Franziskus, der sich selbst als Sünder bezeichnet, ist heute die "Zeit der Barmherzigkeit" gekommen. Sein Auftreten wirkt wie eine epochale Wende, wenn er statt der traditionellen Gebote die Barmherzigkeit betont, dabei weist Franziskus selbst darauf hin, dass seine Vorgänger ähnliche Aussagen gemacht haben. Johannes Paul II. hat den "Barmherzigkeitssonntag" eingeführt, Benedikt XVI. hat formuliert: "Die Barmherzigkeit ist in Wirklichkeit der Wesenskern der Botschaft des Evangeliums, sie ist der Name Gottes selbst."

Das Buch kreist immer wieder um Beichte und Sünde. Der Beichtstuhl möge keine "Folterkammer" sein, hat Franziskus schon an anderer Stelle betont, kein Ort, an dem sich neugierige Beichtväter (Beichtmütter sind ja noch nicht in Sicht) im Detail die Vergehen der Beichtenden schildern lassen. Aber Sünder sollen zur Einsicht ihrer Schuld und zur Reue gelangen. Mit der Thematik, dass der modernen Welt die Sünde abhanden kommt, hat sich schon Peter Turrini in seinem 1990 in Wien uraufgeführten Werk "Tod und Teufel" befasst. Christoph Schönborn, damals noch nicht Erzbischof und Kardinal, hat dieses Drama, gegen das reaktionäre Katholiken Sturm liefen, seinerzeit mutig verteidigt.

Barmherziger als Menschen
Hinsichtlich einer zentralen Bibelstelle zu dieser Thematik, dem Gleichnis vom verlorenen Sohn, zeigt das Buch auf, wie der Gott des Evangeliums weitaus barmherziger handelt, als die allermeisten Menschen es tun würden. Als der Sohn, der sein Vermögen verschleudert hat, reumütig heimkehrt, eilt ihm der Vater freudig entgegen, nimmt ihn wieder auf und veranstaltet ein Fest für ihn. Die "ganz normale menschliche Reaktion", so Franziskus, wäre die, wie sie ein italienischer Religionslehrer erhoben hat, als er seine Schüler bat, diese Geschichte mit einem eigenen Ende nachzuerzählen. Der Großteil entschied sich für folgenden Ausgang: Der Vater nimmt den Sohn zwar wieder auf, bestraft ihn aber und lässt ihn bei den Dienern leben, damit er lernt, das Geld der Familie nicht durchzubringen.

Die Botschaft des Papstes in diesem Buch ist nicht nur für gläubige Katholiken oder andere Christen tröstlich und bedenkenswert: "Jesus schickt seine Jünger nicht als Statthalter der Macht oder Hüter des Gesetzes aus. Er sendet sie hinaus in die Welt, damit sie dort nach der Logik der Liebe und Selbstlosigkeit leben."

Sachbuch

Der Name Gottes ist Barmherzigkeit

Papst Franziskus. Ein Gespräch mit Andrea Tornielli.

Kösel Verlag, 2016, 128 Seiten, 17,50 Euro




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-01-25 16:05:06
Letzte nderung am 2016-01-26 15:17:07



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