• vom 05.02.2016, 19:34 Uhr

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Westliche Kultur auf dem Prüfstand




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Von Wolfgang Taus

  • Terry Eagleton meint, der Siegeszug von Kapitalismus in Verbindung mit Atheismus sei der Wegbereiter des religiösen Fundamentalismus.

Wer den britischen Kulturphilosophen und streitbaren Linkskatholiken Terry Eagleton kennt, weiß, welch wortgewaltige und zugleich erfrischende Auseinandersetzung mit den Widersprüchen westlicher Moderne im Spannungsverhältnis von Religion, Politik und Kultur dem Leser geboten wird.

Der Glauben - eine Ruine? Endet so die Kultur?

Der Glauben - eine Ruine? Endet so die Kultur?© wikimedia/Nilfanion Der Glauben - eine Ruine? Endet so die Kultur?© wikimedia/Nilfanion

So steckt heute die vermeintlich "glaubensfreie" westliche Gesellschaft in einer Krise, die das "Verschwinden Gottes" scheinbar nach der "Entzauberung der Welt" im Sinne Max Webers ausgelöst hat. Der Autor zeigt auf, wie Gott den Rationalismus des 18. Jahrhunderts "überlebt" hatte und nun eine "dramatische Wiederkehr" feiert - in Form des religiösen Fundamentalismus.

Zu den "transzendenten Lückenbüßern" in der aufgeklärt-rationalen westlichen Welt zählen vor allem die Kunst, Vernunft und die Kultur. Dass sich keiner dieser "Ersatz-Götter" als überzeugend erwiesen haben, ist Thema dieses lesenswerten Bandes.

Der westliche Kapitalismus hat sicher mit dem Siegeszug des Atheismus dem religiösen Fundamentalismus den Weg bereitet, so Eagletons Grundthese. Letzterer ist nicht in den Ruinen des World Trade Center nach 9/11 geboren worden, aber er erhielt dort eine ganz neue Dringlichkeit.

Verschwimmen von Grenzen

So brauchte man eine neue, militärische Verteidigungsstrategie für die westliche Zivilisation - angesichts der Bedrohung des aufkommenden dschihadistischen militanten Extremismus und seiner Ablehnung westlicher Werte. Gott steht nun plötzlich auf Seiten der Barbarei; der Unglaube auf Seiten der Zivilisation.

Vom Standpunkt der westlichen Moderne aus erscheint die Weigerung des radikalen Islam, Politik, Kultur, Moral und Religion streng zu trennen, ganz klar vormodern. Doch die westliche Postmoderne kenne ebenfalls dieses Verschwimmen von Grenzen, zumindest, wenn man die Religion aus der Gleichung herausnehme. Auch sie neige dazu, Politik und Kultur zusammenzuführen, wenn auch in einem ganz anderen Stil, als der radikale Islam dies tue. Die Postmoderne trägt dazu bei, Kultur und Moral zu vermengen - auch dies auf eine ganz andere Weise als der Islamismus. Sie verknüpft die beiden Bereiche, indem sie moralische Werte als kulturell bedingt betrachte, während der Islamismus Moral und Kultur als zwei Aspekte einer integren Lebensweise sehe, so Eagleton.

Abbilder der Vergangenheit

Dementsprechend finden Vormoderne und Postmoderne ein Echo im jeweils anderen. In einem islamischen Glauben, der Kunst, Moral, Kultur und Politik in eins setzt, schaue der Westen auf ein "Abbild seiner Vergangenheit", bevor die großen Trennungen der Moderne einsetzten. Der Westen möge zwar den Mangel an Freiheit in dieser Synthese beklagen, aber auch die Festigkeit, die sie der Identität des Gegners verleihe und die "seinem Leben deutlich fehle", meint der Autor. Wenn "Künstler und Bischöfe nicht mehr Gefahr laufen, gehängt zu werden, können wir sicher sein, dass die Moderne begonnen habe".

In England war es 1688 so weit: Kirche und Staat hatten sich in einer Weise geeinigt, dass religiöse Dispute ohne Angst vor politischer Repression oder vor dem Verlust der persönlichen Freiheit geführt werden konnten. Heutige aufgeklärte Gesellschaften gelten dann als säkular, wenn religiöse Glaubensüberzeugungen im politischen Bereich keine wesentliche Rolle mehr spielen, meint Eagleton. Das "deutlichste Gegenargument" gegen die Behauptung, die Religion sei aus dem öffentlichen Leben westlicher Zivilisation verschwunden, würden die USA darstellen. Dort werden verschiedenste christlich geprägte Erweckungsbewegungen wieder zu einer politischen Kraft.

Information

Terry Eagleton: Der Tod Gottes und die Krise der Kultur (Pattloch 2015, 288 Seiten; 20,60 Euro)





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-02-05 15:38:05
Letzte nderung am 2016-02-05 19:24:20



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