• vom 28.02.2016, 14:00 Uhr

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Tücken der Mutterschaft




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Von Christian Schacherreiter

  • Getraud Klemms Roman "Muttergehäuse".

Angeblich ist es (neben dem Sterben) das Natürlichste dieser Welt: Kinder zeugen, Kinder kriegen. Grundsätzlich ja, aber nicht für eine Frau im vierten Lebensjahrzehnt, die sich gemeinsam mit ihrem Ehemann für ein Kind entscheidet, aber nicht und nicht schwanger wird. Die Wiener Autorin Gertraud Klemm publizierte 2010 bei Arovell den Text "Mutter auf Papier", halb dokumentarischer Essay, halb Erzählprosa. Da sie mit dieser Form nicht ganz zufrieden war, überarbeitete Klemm den Text, ergänzte einerseits, sparte andererseits aus, entschied sich konsequent für die fiktionale Erzählform und publizierte jetzt unter dem Titel "Muttergehäuse" einen monologischen Roman.



Das Ergebnis dieses schwierigen Entstehungsprozesses kann sich sehen lassen. "Muttergehäuse" ist ein spannender, dichter Erzähltext. Raffung und Tempo bestimmen den Schreibduktus, und immer wieder blitzen scharfe Erkenntnisse auf, konzentriert in überzeugenden Metaphern und pointierten Formulierungen.

"Mutter sein heißt: Angst haben müssen. Die Angst ist ein blasses Tier mit vielen Zitzen, das liegt überall dort im Weg, wo Kinder sind. Die Angst säugt ganze Industriezweige: die Pharmaindustrie, die Einrichtungshäuser, die Nahrungsmittelindustrie, die Fahrradhelmhersteller (. . .), die Erzeuger von Knie- und Ellenbeugenschützern, die BIO-Landwirtschaft, die Öko-Spielzeugmacher, die Autokindersitzverkäufer."

Je erfolgloser das Vorhaben Schwangerschaft verläuft, umso mehr fokussiert sich die Aufmerksamkeit der Frau auf das Thema Nachkommenschaft: eine Katze, die ihr Junges ableckt, die Knospe des Flieders, Bohnenkeimlinge im Gemüsebeet. So fern können die Dinge gar nicht sein, dass sie nicht ins Brennglas der Empfängnissehnsucht geraten. "Den Kaviar im Glas. Die Kerne im Apfel. Das sind alles potentielle Kinder." An guten und gut gemeinten Ratschlägen der Umgebung mangelt es nicht, und mannigfaltig sind die Angebote der zivilisierten Welt: chinesische Kräuter, Ratgeber-Literatur, Online-Foren, Fortpflanzungsmedizin. Man bzw. frau tut, was man bzw. frau tun kann, aber das Ergebnis ist trotzdem ernüchternd. Was am Ende bleibt, sind Resignation, das Gefühl, versagt zu haben, und eine angespannte Mann-Frau Beziehung: "Wie das nicht keimende Leben Zwietracht zwischen uns zu säen beginnt."

So entscheiden sich die Protagonistin und ihr Mann für eine Adoption. Ein Kind aus Afrika soll es sein. Tatsächlich holen sie - nach einem aufwändigen Weg durch die Adoptionsbürokratie - ein Kind aus Johannesburg. Ende gut, alles gut? Ja und nein. Gertraud Klemm harmonisiert nicht, sondern verdeutlicht die ambivalenten Gefühle der Adoptivmutter, die irgendwann auch nicht mehr ganz gerecht sein kann gegenüber einer Umgebung, die sie als schikanös und unaufmerksam, gar als feindselig erlebt. Auch der Rassismus-Verdacht stellt sich in dieser Gefühlsverfassung fast schon reflexartig ein.

Information

Gertraud Klemm

Muttergehäuse

Roman. Kremayr & Scheriau, Wien 2016, 155 Seiten, 19,90 Euro.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-02-26 14:38:09
Letzte nderung am 2016-02-26 16:15:31



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