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Update: 29.02.2016, 18:27 Uhr

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Von Oliver vom Hove

  • Schriftsteller Navid Kermani bereiste die Balkanroute der Flüchtlinge.

Das Wort Grenzüberschreitung hat einen bitteren Doppelsinn bekommen in unseren Tagen. Zum einen hat die dauerhafte Massenflucht quer durch Europa das darauf nicht vorbereitete Grenzschutzsystem der EU-Staaten als Schengener Fata Morgana vorgeführt. Sämtliche politischen Maßnahmen tragen seither den Stempel der Hilflosigkeit. Zum andern führt im Gefolge der politischen Ohnmacht der aufgepeitschte Volkszorn zu Grenzüberschreitungen der Unmenschlichkeit und Brutalität, wie sie vordem in Europa undenkbar waren: gewalttätige Zusammenrottungen von Fremdenfeinden, hasserfüllte Mordparolen, brennende Asylheime.

Europas neue Zäune wie hier an der Grenze von Griechenland und Mazedonien sind die neue Realität der Kontinents.

Europas neue Zäune wie hier an der Grenze von Griechenland und Mazedonien sind die neue Realität der Kontinents.© ap/Petros Giannakouris Europas neue Zäune wie hier an der Grenze von Griechenland und Mazedonien sind die neue Realität der Kontinents.© ap/Petros Giannakouris

Das friedfertige Europa ist nicht wiederzuerkennen: gespaltene Gesellschaften, um sich greifendes Misstrauen, verlorene Solidarität der Bürger und Staaten. Und die Flüchtlinge? Von ihnen ist nur mehr als Masse die Rede. Ihr Leid, ihre Strapazen, Entbehrungen, Übermüdungen, auch die Angst- und Panikattacken der Vorwärtshastenden vermag unsere mediale Überversorgung dem Außenstehenden nicht mit der nötigen Empathie nahezubringen.

Eindringliche Sprachkunst

Da hilft umso eindringlicher die Sprachkunst eines sensiblen Beobachters. Navid Kermani hat als ausgewiesener Kenner des Islam und polyglotter Orientalist die Grenzüberschreitungen des Flüchtlingstrecks auf dem Retourweg auf sich genommen, um einen Augenschein der Ereignisse zu gewinnen. Seine Reise führte im Spätsommer 2015 entlang der Balkanroute von Budapest über Lesbos und die Ägäis bis zur türkischen Westküste und wieder zurück zum Kölner Hauptbahnhof, der damals noch nicht von massenhaften sexuellen Grenzüberschreitungen gebrandmarkt war. Wie von dem jüngsten Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels nicht anders zu erwarten, hat Kermani die Ambivalenz der Geschehnisse und ihrer Folgen nicht aus den Augen verloren. Als Sohn iranischer Einwanderer hat er nicht nur sprachlich einen direkten Zugang zum Denken und Fühlen vieler Flüchtlinge. Unermüdlich ist er ihren Schicksalen auf der Spur, lässt sich ein auf die oft bedrückenden Erzählungen von Verzweiflung und unerfüllbaren Hoffnungen.

In Izmir etwa trifft er auf einen syrischen Kaufmann aus Mossul, der vor dem IS-Terror geflohen ist. Seine Habe, 45.000 Euro, hatte er in das Futter des Sakkos eingenäht. Gleich am ersten Abend in der Türkei fiel er unter die Räuber und verlor alles. Kermani sieht Flüchtlinge vor versperrten Moscheen, deren Imame eine Öffnung verweigern. "Ich bin ein frommer Moslem, aber ein Islam, der keine Gerechtigkeit kennt, ist nicht einmal eine Notdurft wert", quittiert ein syrischer Flüchtling seine Erfahrung. Bei einem Agenten gibt sich der Autor als iranischer Flüchtling aus, um die horrenden Summen der Schlepper zu erkunden, die für einen lebensgefährlichen Transfer in Schlauchbooten verlangt werden.

Trügerische TV-Bilder

"Man wird rasch wetterfühlig, wenn man nach Europa will", ist eine Erfahrung, die Kermani unterwegs macht. Er trifft vor allem auf Afghanen, "erkennbar nicht die Facharbeiter, auf die die deutsche Wirtschaft wartet". Auf seine Frage "Warum kommt ihr denn alle?", hört er immer wieder: "Im Fernsehen hieß es, dass Deutschland Flüchtlinge aufnimmt: Wir haben auch die Bilder von den deutschen Bahnhöfen gesehen."

Die Lage auf der Balkanroute hat sich mittlerweile erheblich verschärft. Grenzüberschreitungen sind nur mehr einem für ein Asylverfahren legitimierten Teil der Flüchtlinge möglich. Afghanen gehören nicht dazu. Kermanis literarische Reportage "Einbruch der Wirklichkeit" stärkt die Immunabwehr des Lesers gegen oberflächliche Ansichten und vorschnelles Urteilen. Es enthebt ihn aber nicht der Einsicht in die Gefahr des islamistischen Fundamentalismus, die der religionskritische Muslim und Aufklärer Kermani unmissverständlich benennt: "Wovor die Europäer Sorge haben, das macht den Flüchtlingen erst recht Angst."

Information

Navid Kermani: Einbruch der Wirklichkeit, Sachbuch mit Fotos von Moises Saman, 96 Seiten, C.H. Beck, 2016





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-02-29 16:35:06
Letzte nderung am 2016-02-29 18:27:24



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