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Update: 14.03.2016, 16:45 Uhr

Sachbuch

Mit dem Terror arrangiert




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Von Christian Ortner

  • Die Schweiz, ein 47-facher ungesühnter Mord und ein unappetitlicher Deal der Berner Regierung.

Schwieg 40 Jahre über den Deal zwischen der Schweiz und der PLO: Jean Ziegler. - © ap/Javier Galeano

Schwieg 40 Jahre über den Deal zwischen der Schweiz und der PLO: Jean Ziegler. © ap/Javier Galeano

Jänner 1969, Airport Amman, Jordanien: Amena Dahbor, eine 22-jährige Palästinenserin, und ihr Liebhaber Abdel Mehsen besteigen eine KLM-Maschine nach Wien. Im Hotel "Weißer Hahn" in der Josefstädterstraße übernachten sie, um am nächsten Tag nach Zürich zu fliegen. In seinem Koffer transportiert Mehsen zwei Sturmgewehre, die Magazine dazu sind im Gepäck seiner Begleiterin. Mangels Sicherheitskontrollen ist so etwas 1969 noch möglich. Was dann geschah, war Auftakt zu einer blutigen Terrorwelle, die in einem bisher nicht öffentlich bekannten fragwürdigen Deal der Schweiz mit den palästinensischen Terroristen mündete. Aufgedeckt hat dieses unanständige Geschäft Marcel Gyr, Redakteur der "Neuen Zürcher Zeitung", in seinem exzellenten Buch "Schweizer Terrorjahre - Das geheime Abkommen mit der PLO".

Zürich, Kloten Airport, 18. Februar 1969, abends. Abdel Mehsen, Amena Dahbor und zwei weitere Komplizen nehmen vom Rand der Piste aus die startklare Boeing 707 der israelischen Fluggesellschaft El-Al unter Beschuss. Ein Pilot wird getötet, ein Sicherheitsbeamter schießt zurück und tötet einen der Terroristen, den Passagieren geschieht nichts, die Polizei kann die Attentäter festnehmen. Ein Jahr später sprengen palästinensische Attentäter eine "Coronado" der Swissair mit einer Bombe in der Luft, alle 47 Menschen an Bord sterben; der 47-fache Mord ist das größte Verbrechen der schweizerischen Nachkriegsgeschichte, und wenige Monate später wird eine DC-8 der schweizerischen Airline nach Jordanien entführt, hundert Passagiere werden zu Geiseln.

Doch obwohl die Behörden relativ schnell einen Jordanier namens Souffian Kadoummi als Urheber des Bombenanschlags auf die "Coronado" identifizieren, wurde der bis heute nicht vor Gericht gestellt; vermutlich ist er mittlerweile irgendwo im Nahen Osten verstorben. Auch die Attentäter von Zürich-Kloten gingen bald wieder frei, sie wurden gegen die Geiseln in der jordanischen Wüste eingetauscht. Zwar gibt es keinen gerichtsfesten Beweis dafür, dass der 47-fache Mörder Souffian Kadoummi von der schweizerischen Justiz auf Grund eines Geheimabkommens der Regierung mit der Terrororganisation PLO nicht seiner gerechten Strafe zugeführt wurde - doch Gyr hat ausreichend Indizien dafür zusammengetragen.

Stillschweigen per Handschlag

Abgeschlossen wurde der Deal zwischen dem damalige Außenminister Pierre Graber und dem palästinensischen Diplomaten Farouk Kadoummi, einem Verwandten des "Coronado"-Bombers. "Die geheimen Gespräche mit Farouk Kadoummi fanden in einem Hotelzimmer in Genf statt. Neben Bundesrat Pierre Graber gehörten der Delegation Bundesanwalt Hans Walder, Geheimdienstchef André Amstein und ein Vertreter der Genfer Justizdirektion an. Nach mehrtägigen Verhandlungen wurde per Handschlag ein Stillhalteabkommen beschlossen: Gegen das Versprechen der PLO, dafür zu sorgen, dass die diversen militanten Kommandogruppen keine weiteren Anschläge gegen Schweizer Ziele verübten, wurde ihr Unterstützung auf dem diplomatischen Parkett zugesichert. Insbesondere sollte dem palästinensischen Dachverband ermöglicht werden, am Genfer Sitz der UNO ein informelles Büro einzurichten", so Gyr.

Dass Straffreiheit für Souffian Kadoummi Teil des Deals war, ist wahrscheinlich, ein eklatanter Bruch des rechtsstaatlichen Prinzips. Zwar blieb die Schweiz fortan vom PLO-Terror verschont, doch für einen hohen Preis: "Der Außenminister machte sich den Palästinensern gegenüber erpressbar. Mit einer gezielten Indiskretion hätten sie seine politische Karriere jederzeit beenden können. Und auch die Schweiz begab sich damit in eine fatale Abhängigkeit. Wenn über palästinensische Fragen entschieden werden sollte, verlor die Schweizer Diplomatie ihre Autonomie."

Eingefädelt hat den Deal ein Schweizer, der 40 Jahre lang eisern geschwiegen hat und nun erstmals offenbart hat, was damals geschah: Jean Ziegler, linker Provokateur und Autor mit damals milieubedingt besten Kontakten zu den Palästinensern. Er brachte Außenminister und Terror-Diplomaten zusammen. Und schuf damit die Voraussetzungen für das unmoralische Abkommen. Kein Wunder, dass er es vorzog, darüber 40 Jahre lang zu schweigen.

Information

Sachbuch
Schweizer Terrorjahre
Marcel Gyr, Nzz Libro, 2016
184 Seiten, 22,30





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-03-14 15:35:04
Letzte nderung am 2016-03-14 16:45:10



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