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Update: 18.03.2016, 13:26 Uhr

Sachbuch

Angst vor den falschen Gespenstern




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Von Heinz Kienzl

  • Wirtschaftsforscher und -historiker Felix Butschek erörtert in seinem jüngsten Buch die Kritik am Wirtschaftswachstum.

Null-Zinsen erzeugen definitiv keine Konjunktur.

Null-Zinsen erzeugen definitiv keine Konjunktur.© reuters/Foeger Null-Zinsen erzeugen definitiv keine Konjunktur.© reuters/Foeger

Als ich das Plädoyer von Felix Butschek für Wirtschaftswachstum las, fiel mir Occhams Rasiermesser ein. Der Wiener Kreis der Philosophen in den 1920er Jahren schätzten den Scholastiker aus dem 13. Jahrhundert sehr, der vorgeschlagen hatte, die einfachste Lösung zu suchen und Nebensächlichkeiten abzuschneiden.

Wirtschaftswachstum war und ist das Fundament des österreichischen Wohlfahrtsstaates. Von Johann Böhms Aussage - wir müssen zuerst produzieren, dann können wir konsumieren - bis zu Kreiskys Feststellung, dass ihm 10.000 Arbeitslose mehr Sorge bereiten aus Schulden. Böhm wurde seinerzeit sehr kritisiert und später sagten seine Kritiker, wie recht er doch gehabt hätte.


Das erste Opfer von Felix Butscheks Rasiermesser sind die Grenzen des Wachstums, die falschen Prophezeiungen von Maedows & Co. Heute 45 Jahre später kann man darüber nur mehr lächeln, wenn die Überschüsse von Erdöl die Weltwirtschaft ins Taumeln bringen, und Kupfer gibt es noch immer. Maedows, seine Mitarbeiter und Nachbeter waren Statistiker und kannten die Funktion des Preises bei Verknappung nicht. Vor einigen Jahrtausenden gab es einen Fall von Verknappung, als den Kelten in Hallein das Holz ausging, sie nicht mehr Salz sieden konnten und abwanderten. Im 18. Jahrhundert ging den Engländern das Holz aus, sie wanderten nicht aus, sondern nützten die Kohle, später Erdöl und starteten die industrielle Revolution.

Arbeit und Intellekt
Wirtschaftswachstum ist sehr eng mit Arbeit verbunden. Schon in der Antike schätzten die Intellektuellen die Arbeit nicht, ihr Wort für Arbeit, ponos, wird mit Mühsal und Plage übersetzt. Butschek findet, dass die Intellektuellen dieser Tage Mühe und Arbeit auch nicht besonders schätzen, auch wenig Verständnis dafür haben, dass die Bauarbeiter mehr verdienen wollen, um sich auch einen Urlaub in Bibione leisten zu können.

Umweltsorgen und Engpässe
Ohne Klassenkampf geht das aber nur, wenn das Sozialprodukt - also Waren und Dienstleistungen - in einem steigenden Ausmaß erstellt und angeboten werden. Die bürgerlichen Bohemiens - vulgo Bobos - sind in unseren Wohlfahrtsstaaten so zahlreich, dass sie eine gesellschaftlich wichtige Basis für die Grünbewegung bilden. Und so kommen wir zu einer Aufschaukelung von Umweltsorgen, zu Wachstumsbehinderung und zu Engpässen.

Ein Gespenst geht um in Europa - wir müssen sparen - natürlich nicht nur bei den Spendierhosen der öffentlichen Hand, wir sollen auch stromsparende Staubsauger kaufen und auch weniger Fleisch essen, um auf diesem Umweg über Viehzucht Wasser zu sparen. Wo bleibt da die Nachfrage? Alle großen Probleme unserer Tage, können wir nur im europäischen Rahmen lösen.

Wirtschaftswachstum ist mit dem Instrumentarium, das uns die neoliberalen Nationalökonomen offerieren, nicht zu schaffen. Null-Zinsen erzeugen keine Konjunktur, Sanktionen, aus welchen Gründen auch immer, schaffen keine Nachfrage und Konflikte im südlichen Mittelmeerraum schaffen Unsicherheit. Nichts braucht die Wirtschaft dringender als Sicherheit und Zusammenarbeit. Wir fürchten uns zu sehr vor Umweltkatastrophen und zu wenig vor Machtkämpfen, Religionskriegen und Terrorismus.

Sachbuch

Wirtschaftswachstum -
eine Bedrohung?

Felix Butschek

Böhlau Verlag Wien, 2016

148 Seiten, 30




Schlagwörter

Sachbuch, Wirtschaftswachstum

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-03-17 15:35:05
Letzte nderung am 2016-03-18 13:26:04



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