• vom 22.03.2016, 15:20 Uhr

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Afrika

Die Selbstgerechten




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Von Klaus Huhold

  • Der Westen und seine Hilfsorganisationen bringen Afrika nur Gutes? Blödsinn, sagt der Journalist Alex Perry.
  • Sein Buch "In Afrika" stellt das westliche Selbstverständnis beeindruckend und leidenschaftlich in Frage.

Afrika muss nicht vom Westen wie ein Kind an der Hand genommen werden, sagt Perry. Es besitzt selbst genug Potenzial. - © Pascal Deloche/Godong/Corbis

Afrika muss nicht vom Westen wie ein Kind an der Hand genommen werden, sagt Perry. Es besitzt selbst genug Potenzial. © Pascal Deloche/Godong/Corbis

Die Szene wirkt auf den ersten Blick idyllisch: Im Dorf Zambiani auf Sansibar spielen zwei junge, weiße Frauen mit rund 20 afrikanischen Kleinkindern Fußball. Vor den hellen Häusern aus Korallenstein laufen die Kinder jauchzend im Sand dem Ball hinterher, auch die zwei Betreuerinnen haben ihren Spaß. Sie sind Freiwillige einer westlichen NGO, die im Schulwesen engagiert ist.

Rundherum sitzen Dorfbewohnerinnen, die offenbar nichts zu tun haben. Das wirft auf den zweiten Blick ein paar Fragen auf: Warum werden diese Kinder von Europäerinnen betreut, die dafür tausende Kilometer geflogen sind, und nicht von Einheimischen, die ein paar Häuser weiter wohnen? Warum begegnet man auf Sansibar überhaupt ständig Hilfsorganisationen? Die Insel, eine halbautonome Region Tansanias, müsste doch durch den Tourismus und den Gewürzexport viele Einnahmen haben. Doch viele Bewohner sind arm, die Behörden korrupt. Vielleicht stützen die NGOs ungewollt diese Strukturen, indem sie der Regierung die sozialen Aufgaben abnehmen. Andererseits: Niemand kann garantieren, dass sich irgendjemand um die Straßen- und Waisenkinder kümmert, sollten die westlichen Hilfsorganisationen abziehen.


Das ist das Spannungsverhältnis, das Dilemma, in dem sich die Hilfe für Afrika bewegt. Was häufig idealistischen Motiven entspringt und unbestreitbar eine gute Tat ist - der Aufbau einer Dorfschule etwa -, kann langfristig schlechte Folgen haben, weil etwa die Eigeninitiative vor Ort erstickt wird.

Der langjährige Afrika-Reporter Alex Perry, der als Korrespondent der US-Magazine "Time" und "Newsweek" den Kontinent so intensiv wie kaum ein Zweiter westlicher Reporter bereist hat, hat in seinem nun auf Deutsch erschienenen Buch "In Afrika. Reise in die Zukunft" - ein verwirrender Titel, weil es vorwiegend eine Abrechnung mit der Gegenwart ist - eine leidenschaftliche Streitschrift zu diesem Thema vorgelegt. Seine Reportagen, die in mehr als einem Dutzend afrikanischen Ländern spielen und in denen die Palette der Stimmen von Staatschefs über Bauern bis hin zu Unternehmern reicht, durchzieht dabei eine These: Abgesehen von einzelnen Erfolgen, wie der Eindämmung des Ebola-Virus, ist die humanitäre Bewegung, wie Perry sie nennt, krachend gescheitert.

In seinem Buch führt er dafür jede Menge Beispiele an: Die humanitäre Bewegung, die die UNO, NGOs und politische Aktivisten umfasst, hat im Südsudan auf die absolut falschen Partner gesetzt - nämlich einstige Rebellenführer, die, kaum dass sie einen Staat führten, Geld stahlen, Waffen einkauften und die eigene Bevölkerung abschlachteten. Die internationale Hilfe versuchte einstweilen, sich um Nahrung und Bildung zu kümmern - und lehrte so offenbar, wie ein verzweifelter UN-Mitarbeiter in dem Buch fast unter Tränen einräumt, die Führer des Südsudans, dass sie nicht selbst dafür sorgen müssen.

Die humanitäre Bewegung war viel zu willfährig gegenüber ihrem größten Geldgeber, den USA. Deren Gesetze verboten jegliche Zusammenarbeit mit der als Terrororganisation eingestuften somalischen Gruppe Al-Shabbab. Diese beherrschte aber während der Hungersnot 2011 ganz Südsomalia, das somit von jeglicher Hilfe abgeschnitten war. Für Perry, der als einer der wenigen Reporter während der Hungersnot in dem Bürgerkriegsland war, ist das die Hauptursache, warum die damalige Katastrophe derartige Ausmaße annahm (auch die Hilfsorganisation Oxfam meinte übrigens mittlerweile in einem Beitrag für die "New York Times", dass der Tod von 260.000 Somaliern "schwer auf dem Gewissen der Amerikaner" lasten sollte).

Und überhaupt: Der Aufwand - laut Perry fließen jedes Jahr 57,1 Milliarden Dollar in die Hilfe - steht in keinerlei Relation zum dürftigen Ertrag, also dem Ausmaß an Armut, das noch immer herrscht. Dieses Scheitern ist wiederum Ausdruck des größten Vergehens, das weit über die Entwicklungshilfe hinausweist: Westliche Aktivisten und auch westliche Politik machen Afrikaner zu "Statisten ihrer eigenen Geschichte. In diesem Bild gibt es keinen Platz für Afrikaner, die für sich selbst sorgen und ihr Schicksal selbst bestimmen können." Wir, der Westen, entmündigen und infantilisieren demnach einen ganzen Kontinent, und Sinnbild dafür ist das halbnackte Kind, das immer wieder von Foldern der NGOs blickt und für Spenden sorgt.

Damit thematisiert Perry ein zumindest doppelbödiges Sujet, das auch viele afrikanische Intellektuelle bewegt: Das zeigt sich etwa im Roman "Abessinische Chronik" des ugandischen Autors Moses Isegawa. Als dessen Hauptfigur sich in Amsterdam in eine Kampagne für Uganda einspannen lässt, ist sie empört über die Bilder hilfloser Kinder.

In einem afrikanischen Kontext erhalten die Dinge oft eine andere Bedeutung, und auch Perry weist hier immer wieder auf schmerzliche Widersprüche hin: Wer im Westen als selbstloser Retter gesehen wird, gilt in Afrika oft als Angehöriger einer privilegierten Schicht. Dass laut den Recherchen Perrys ein mittlerer UN-Manager der Friedensmission im Kongo mit allen Zulagen (Haus am See, Dienstwagen, Privatschule für Kinder usw.) auf ein Jahreseinkommen von bis zu einer halben Million Dollar kommt, ist ebenso Ausdruck dieser Diskrepanz wie die Wut der bitterarmen Südsudanesen über die mit Stacheldraht getrennten, klimatisierten UN-Basen oder die Kolonnen von Toyota-Landcruisern vor den internationalen Restaurants afrikanischer Städte.

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Schlagwörter

Afrika, Sachbuch, Alex Perry

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Dokument erstellt am 2016-03-22 15:23:04



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