• vom 28.03.2016, 10:00 Uhr

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Der Wind vom Atlantik




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Von Bernadette Conrad

  • Colum McCanns spannende Erzählung "Verschwunden".

"Sie passte gut in das kleine Dorf, auch wenn sie scharf von der auffallenden Blondheit ihres Sohns abstach. Die gälische Sprache, das wechselhafte Wetter, das harte Licht, der Wind, der vom Atlantik wehte - sie genoss all das." Colum McCann hat ihn, den Atlantik, längst zwischen sich und seine Heimat gelegt: Der irische Autor lebt mit seiner Familie in New York.



Nun schaut er sich den Ozean von der anderen Seite her an - weiter in der Bezogenheit, in der Faszination für die Macht des großen Wassers.

Der Atlantik ist auch der Schauplatz jener knapp 70 Seiten langen Erzählung, in deren Mittelpunkt ein ungewöhnliches Mutter-Sohn-Paar steht. Rebecca und Tomas feiern ihr erstes gemeinsames Weihnachten in Galway. Vor sieben Jahren hatte Rebecca, damals noch mit ihrem Mann, den sechsjährigen gehörlosen Jungen aus einem russischen Waisenhaus geholt und adoptiert. Überwältigend schwierig also die Bedingungen der Annäherung - aber genau jetzt, als sie ihm einen Neoprenanzug schenkt, sieht sie ein nie da gewesenes Glück in den Augen des 13-Jährigen. Am nächsten Morgen sind der Junge und der Anzug verschwunden - und für Rebecca beginnt eine Angsthölle . . .

Colum McCann weiß, wie man Spannung erzeugt - und dieser Plot ist mehr als geeignet dazu. Aber er ist auch eine riskante Vorlage für Pathos, und dieser Gefahr entkommt McCann nicht wirklich. Ob es darum geht, dass um die 48-Jährige "immer noch eine gewisse Schönheit" ist, "im kühnen Schwung der Nase", oder darum, dass der angereiste Ex-Mann in den Nächten bangen Wartens körperlichen Trost bei ihr sucht, - McCann meidet das Klischee nicht. Vieles ist sehr erwartbar in dieser Erzählung - bis auf ihr
Ende. Für die spannende Geschichte mit ihren in den Figurenkonstellationen angelegten Untiefen hätte man jenseits vom Plot mehr Raum und auch mehr literarische Vertiefung gewünscht.

Information

Colum McCann

Verschwunden

Erzählung. Übersetzt von Dirk van Gunsteren. Dörlemann, Zürich 2016, 92 Seiten 15,40 Euro.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-03-25 16:53:02
Letzte nderung am 2016-03-25 17:11:56



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