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Sachbuch

Mut zur Wut




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Von Judith Belfkih

  • Sineb El Masrar und ihre Streitschrift "Emanzipation im Islam".

Starke weibliche Stimme des Islam: Sineb El Masrar, 35-jährige Deutsch-Marokkanerin.

Starke weibliche Stimme des Islam: Sineb El Masrar, 35-jährige Deutsch-Marokkanerin.© privat Starke weibliche Stimme des Islam: Sineb El Masrar, 35-jährige Deutsch-Marokkanerin.© privat

"Vergesst das Kopftuch! Diskutieren wir die ,Polygamie‘ der Frau!" Wo bleibt die Logik, wenn der Mann zeugungsunfähig ist und der Gattin den ersehnten Sohn nicht schenken kann? Es sind erfrischend radikale Zugänge, die Sineb El Masrar in ihrem jüngsten Buch wählt. Nach "Muslim Girls - Wer wir sind, wie wir leben" im Jahr 2010 hat sie diesen Frühling eine so leidenschaftliche wie faktenreiche Streitschrift zur "Emanzipation im Islam" vorgelegt. Der Untertitel - "Eine Abrechnung mit ihren Feinden" - illustriert die dem Buch zu Grunde liegende Angriffslust.

Das Problem an der Unterdrückung der Frau, so arbeitet sie heraus, ist nicht der Islam an sich. Es ist die Tatsache, dass die meisten Muslime fest im Sattel des Patriarchats sitzen. Und für die ist die Sache klar: "Dieses weibliche Wesen muss so früh wie möglich in die gehorsame Rolle eingeführt werden. Nur dann ist es ehrbar und eine gute Muslima." Folglich werden moralische Maßstäbe ausschließlich über Frauen verhängt.


El Masrars Streitschrift speist sich einerseits aus persönlichen Erlebnissen aus ihrer Familie. 1981 in Deutschland geboren, verbrachte die Tochter marokkanischer Einwanderer viel Zeit in der Heimat ihrer Eltern. Diese fundierte Kenntnis des arabisch-muslimischen Alltags kombiniert sie mit soziologischen und historischen Fakten und Analysen. Sie geht dabei mit so ziemlich allem hart ins Gericht und prangert nicht nur die Scharia als Regelwerk "fehlbarer Männer" aus dem 8. Jahrhundert an. Sie empört sich über die menschlichen Regeln vieler autoritärer Länder, die mit dem Islam gleichgesetzt und blind befolgt werden. Sie rechnet mit männlichen Muslimen ab, denen es unerträglich ist, "dass Frauen über einen Verstand verfügen, der auch benutzt wird".

Alles in allem eine wütende Abrechnung mit dem Patriarchat an sich und mit der Art und Weise, wie dessen Strukturen den Islam als Vorwand benutzen, um ihre Strategie der Unterdrückung aufrecht zu erhalten. Viele Diskurse haben nichts mit Religion zu tun und erinnern an die ersten Wellen der Frauenbewegung. Wie der Widerstand der Frauen selbst.

Wütender Rundumschlag
El Masrars Rundumschlag richtet sich auch gegen das muslimische Führungspersonal Deutschlands - es sei schlicht unfähig. Die Szene kennt die Autorin, hat sie sich doch 2010 bis 2013 in der Deutschen Islam Konferenz engagiert. Auch wenn diese detaillierte Abhandlung etwas langwierig gerät, so zeigt sie, warum jede Forderung an den Islam, sich aus sich heraus zu reformieren, schon an strukturellen Hürden scheitern muss. Es gibt keine Geschlossenheit, die Verbände schweigen zu heiklen Themen, es fehlt an Aufklärung. Und auch Muslime stehen vor dem Balanceakt, "reale Probleme auf Seiten der Muslime zu thematisieren, ohne dabei diese Bevölkerungsgruppe zu diffamieren oder gar Applaus von der falschen Ecke zu ernten".

Die Ausgangslage für die Emanzipation von Muslimas sei an sich gut, so die Autorin. Sie könnten ihre Forderungen im Islam selbst begründen. Frauen, die ihr Leid und ihre Unterdrückung als "Gottesdienst" rechtfertigen, greift sie frontal an: "Diese Muslimas übersehen ein Detail: dass Allah weder menschlich noch männlich ist."

Auch wenn ihr Ton mitunter flapsig ist, sie Dinge überspitzt und überzeichnet, so ist es ein starkes und mutiges Lebenszeichen einer neuen Generation junger Muslime. Dass Sineb El Masrar gläubige Muslima ist, macht ihre Kritik doppelt glaubhaft, verleiht ihrer Analyse mehr Durchschlagskraft. Die Lösung liegt für sie vor allem in den muslimischen Frauen, an sie richtet sich auch der dringliche Aufruf: "Wir Muslimas müssen mutiger werden, uns mehr zutrauen. Niemand kann uns dabei unseren Glauben oder unseren Platz im Paradies streitig machen. Wer einem das abspricht, erhebt sich über Allah. Denn das Tor zum Paradies liegt allein in Allahs Ermessen. (...) Werfen wir den Ballast der Feigheit ab und krempeln die Ärmel hoch. Es ist höchste Zeit für Mut."

SACHBUCH

Emanzipation im Islam

Sineb El Masrar

Verlag Herder, 2016

320 Seiten, 25,70




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-03-31 15:47:04
Letzte nderung am 2016-03-31 20:59:10



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