• vom 04.04.2016, 16:19 Uhr

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Sachbuch

Auf beiden Seiten der Front




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Von Gerhard Lechner

  • Jutta Sommerbauers Ukraine-Buch liefert wichtige Einblicke in das Leben im Donbass.

Der Ukraine-Konflikt polarisiert in der Öffentlichkeit ähnlich wie die Flüchtlingskrise. Über die Revolution auf dem Kiewer Maidan wird bis heute gestritten, Befürworter und Gegner stehen sich unversöhnlich gegenüber. Auch über das, was sich da in der Ostukraine ereignet hat, ist man sich nicht einig: Handelt es sich bei den sogenannten Volksrepubliken von Donezk und Lugansk um kriminelle Regime, die der Bevölkerung von außen oktroyiert wurden? Oder doch um authentische, demokratische Gebilde?

Die Außenpolitik-Redakteurin Jutta Sommerbauer hat gegenüber den Info-Kriegern im Internet einen entscheidenden Vorteil vorzuweisen: Sie weiß, wovon sie spricht. Seit Jahren reist die Ukraine-Expertin immer wieder in das vielfältige osteuropäische Land und spricht mit Menschen - und seit dem Ausbruch des Krieges im Donbass vor zwei Jahren heißt das auch: mit Menschen auf beiden Seiten der Front. Die Ergebnisse ihrer Recherchen liegen nun in Buchform vor.


Analysen und Reportagen
Herausgekommen ist ein kurzweiliges Buch, eine Mischung aus Analysen und Einblicken in Reportageform, das man vor allem denen ans Herz legen möchte, die ein romantisch-verklärtes Bild von den Donbass-Republiken haben. Sommerbauer beschreibt die vielen Ebenen des Konflikts, redet mit Vertriebenen, übernachtet im Luftschutzkeller, spricht mit Kindern, deren Spielplatz gefährlich nah an der Front liegt, trifft Rebellenführer und Trauma-Therapeuten. Und sie spricht immer wieder davon, dass es diesen Krieg ohne das Eingreifen Russlands nicht geben würde. Noch 2012, bei der Fußball-EM, habe Harmonie im Land geherrscht.

Ist die Kritik an Russland für Sommerbauer ein Herzensanliegen, so wirken die Stellen, in denen sie Kiew kritisch beäugt, eher wie ein Pflichtprogramm. Ihre Sympathie für die Ukraine merkt man der Autorin deutlich an. So sieht sie den Umstand, dass die Reform-Minister in der Ukraine keine Staatsbürger sind, nicht als Bankrotterklärung Kiews an, sondern als Chance. Milde ist auch ihr Blick auf die ungeklärten Vorgänge auf dem Maidan: Zwar hielten sich "hartnäckig Gerüchte", wonach "nicht die ungleich besser ausgerüsteten Spezialkräfte für die vielen Toten verantwortlich seien, sondern die Maidan-Kämpfer selbst". Dennoch bestehe "kein Zweifel", dass "die Eskalation von Seiten der Spezialeinheiten ausging".

Sachbuch

Die Ukraine im Krieg

Hinter den Frontlinien eines europäischen Konflikts.

Jutta Sommerbauer

Kremayr & Scheriau, 2015

208 Seiten, 22 Euro




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Dokument erstellt am 2016-04-04 16:23:07



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