• vom 09.04.2016, 18:00 Uhr

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Ein aufgeladenes Pflaster




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Von Ingeborg Waldinger

  • Drei Bücher legen höchst unterschiedliche Fährten durch Wiens Vergangenheit: Ein hochpoetischer, anekdotischer und kulturpolitischer Streifzug.



Sitz der ersten Österreichischen Nationalbank: Das Palais Ferstel, Herrengasse Nr. 14.

Sitz der ersten Österreichischen Nationalbank: Das Palais Ferstel, Herrengasse Nr. 14.© Aus dem Band "Von Palais zu Café", Metroverlag Sitz der ersten Österreichischen Nationalbank: Das Palais Ferstel, Herrengasse Nr. 14.© Aus dem Band "Von Palais zu Café", Metroverlag

"Die Straßen Wiens sind mit Kultur gepflastert", lautet ein Bonmot von Karl Kraus. Ganz pragmatisch betrachtet, zehrt die Stadt beträchtlich von ihrem materiellen wie immateriellen kulturellen Erbe. Drei Bücher seien hier vorgestellt, die höchst unterschiedliche Fährten durch Wiens aufgeladene Pflaster legen.

Die kaiserliche Residenzstadt hatte über Jahrhunderte das geistige, kulturelle und finanzielle Potential des Habsburgerreiches gebündelt. Umgekehrt durchzogen etwa ihre Architektur oder Kaffeehauskultur die Städte der Kronländer - gleichsam als k.u.k.-Corporate Identity. Der Vielvölkerstaat entwickelte aber auch Kräfte, die einer nationenübergreifenden Identität entgegenwirkten.

Vom habsburgischen Patriotismus tief durchdrungen war jedenfalls der Schriftsteller Joseph Roth. Den Zerfall der Donaumonarchie machte er zum Thema großer Romane wie "Radetzkymarsch" - und "Die Kapuzinergruft" (1938). Der Wiener Milena Verlag hat letztgenanntes Werk nun neu aufgelegt und mit einem Nachwort von Karl- Markus Gauß versehen.

Der Roman erzählt die Lebensgeschichte des Franz Ferdinand Trotta. Sein Großonkel hatte dem Kaiser bei Solferino das Leben gerettet und war dafür geadelt worden. Doch Franz Ferdinand Trotta, Ich-Erzähler des Romans, entstammt nicht dieser adeligen Linie ergebener Kaiser-Diener. Sein Vater war Chemiker - und rebellischer Patriot, der in einer Monarchie der Österreicher, Ungarn und Slawen die Rettung Habsburgs sah. Das erzwang seine Flucht nach Amerika, von wo er vermögend nach Wien zurückkehrte, eine slowenische Partei gründete, im Kreis um Erzherzog Franz Ferdinand verkehrte - und seinen gleichnamigen Sohn (in der Folge "FF") zur Slawophilie erzog.

Verlorene Heimat

Die Handlung beginnt im April 1914. Der Vater ist tot, FF inskribiert pro forma Jus, vertut seine Zeit aber lieber mit dekadenten Aristos, "beinah lächerlich harmlose Kinder der verzärtelten, viel zu oft besungenen Haupt- und Residenzstadt, die, einer glänzenden, verführerischen Spinne ähnlich, in der Mitte des gewaltigen, schwarz-gelben Netzes saß und unaufhörlich Kraft und Saft und Glanz der umliegenden Kronländer bezog".

Erst Joseph Branko, der vitale, geerdete Vetter aus Sipolje (mythische Urheimat der Trottas), holt FF aus dessen Kokon. Branco tourt als Maronibrater durch die Kronländer. Ein authentischer Mensch, von dem FF ebenso fasziniert ist wie von Brancos Freund Manes Reisinger, einem jüdischen Kutscher aus Galizien, der seinem Sohn den Weg ans Konservatorium ebnen will. Trotta verschafft dem Kutschersohn einen Freiplatz am Konservatorium - und folgt im Sommer 1914 Reisingers Einladung nach Galizien; auch Branco stößt dazu. "Alles fremd und fern und doch vertraut: durch den Geist der alten Monarchie." An diesem Rand des Reichs vernimmt das Trio dann des Kaisers Hiobsbotschaft "An meine Völker!". Branco und Manes melden sich freiwillig, FF reist zwecks Heirat noch nach Wien, lässt sich dann aber von seinem Stamm-Bataillon ins bäuerliche Regiment der Freunde versetzen - um mit ihnen zu sterben, "und nicht mit Walzertänzern". Der Krieg trennt das Trio wieder.

FF kehrt am Weihnachtsabend 1918 heim nach Wien. Wie seine ideelle Heimat, löst sich nun sein privates Umfeld auf: das Familienvermögen, die Ehe, der alte Freundeskreis. Nach dem Tod der Mutter bleibt FF noch sein Sohn - den er Freunden in Paris überantwortet. Denn in Wien vertreiben "seltsam gestiefelte" Männer die Stammgäste aus ihren Cafés. Roths feinsinniges Requiem auf die Donaumonarchie endet symbolstark: mit Trottas Gang zur Kapuzinergruft.

"Herren" und Pioniere

Der galizische Jude Joseph Roth starb 1939 im Pariser Exil. Vor seiner Emigration war er Stammgast eines legendären Literatentreffs - dem Café Herrenhof in der Herrengasse. Dieser Straße hat nun die Journalistin Anna-Maria Bauer mit ihrem Buch "Vom Palais zum Café" ein Denkmal gesetzt. Der illustrierte Band aus dem Wiener Metroverlag lädt ein zu einer Zeitreise durch diese noble Meile, der die "Herren der Stände" ihren Namen gaben.

Die Nähe zur Hofburg machte die Herrengasse zur begehrten Wohnadresse für den Adel. Den ersten Bauboom prägten die Barock-Architekten Johann Fischer von Erlach und Johann Lucas von Hildebrandt. Die zweite große Palaisbau-Phase erfolgte um den Wiener Kongress und brachte Palais im klassizistischen Stil hervor.

Der allmählich bröckelnde Einfluss des Adels zwang diesen dazu, die kostspieligen Repräsentationsbauten zu veräußern oder zu vermieten, etwa an Botschaften und Ministerien. Ein altbewährter Amtssitz ist das klassizistische Palais Modena in der Herrengasse Nr. 7: Es beherbergte u.a. die Oberste Polizei- und Zensur-Hofstelle, das Landesverteidigungsministerium, das Büro des k.u.k. Ministerpräsidenten - oder von 1869 bis 1894 die Redaktion der "Wiener Zeitung"; und seit dem frühen 20. Jahrhundert (mit Unterbrechung) das Innenministerium. Heute stehen viele dieser Palais im Besitz von Immobiliengesellschaften, die hier Luxuswohnungen für den Geldadel der Globalisierungsära errichten.


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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-04-08 15:53:08
Letzte nderung am 2016-04-08 16:37:09



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