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Update: 13.04.2016, 17:08 Uhr

Sachbuch

Eine Poetin der Natur




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Von Judith Belfkih

  • "Unberührte Schönheit": Werner Lamperts "Reisen zu den ursprünglichen Kühen der Welt".

Als dann das Ufer erreicht

Kuh ist nicht gleich Kuh: Das Tiroler Grauvieh etwa ist sehr lebhaft, aber gutmütig.

Kuh ist nicht gleich Kuh: Das Tiroler Grauvieh etwa ist sehr lebhaft, aber gutmütig.© Ramona Waldner Kuh ist nicht gleich Kuh: Das Tiroler Grauvieh etwa ist sehr lebhaft, aber gutmütig.© Ramona Waldner

stand vor ihr, ohne die Hörner,

Jupiter - aus einem Stier

wieder verwandelt zu Gott.

Ovid, Die Geburt Europas

Von den römischen Götterwelten über die Schöpfungsmythologien der Hochkulturen - Rinder tauchten immer wieder an zentralen Stellen auf. Als Symbol für Stärke und Virilität. Und als Sinnbild des Nährenden und der Fruchtbarkeit. Frühe Kulturen betrachteten den Himmel als ewig Milch gebende Kuh. Die berühmte Höhle von Lascaux schmücken bereits Stier-Darstellungen. Manchen Gesellschaften ist das Rind bis heute heilig. In der westlichen Welt ist das Rind heute meist zum bloßen Produktionsgegenstand geworden. Es produziert Milch und Fleisch, möglichst effizient.

Eine Entwicklung, die dem österreichischen Bio-Pionier Werner Lampert missfällt. Er selbst hat ein ganz spezielles Verhältnis zu den Wiederkäuern: Bei seinen ersten Rauchversuchen waren sie Zeugen, ihnen erzählte er vom ersten Liebeskummer, las ihnen auf der Weide Hölderlin vor. Er war süchtig nach ihrer Gegenwart, bekennt er. Dem Band zwischen Mensch und Kuh ist sein jüngstes Buch gewidmet, für das er zu den ursprünglichsten Kühen der Welt gereist ist. Passend zur Lebensmittellinie, "Zurück zum Ursprung", die der vollbärtige Vorarlberger entwickelt und auch im Fernsehen vermarktet hat.

Ode an die Kuh

Das Resultat ist eine wort- und bildgewaltige Ode an die Kuh. Und damit an den Respekt vor der Natur. Ein 416 Seiten starker farbiger Bildband über majestätische Tiere in ihren Lebensräumen, denen Lampert bis an die verschiedensten Enden der Welt nachgereist ist - von Uganda bis Bhutan und vom Zillertal bis Japan. Er hat die Tiere nicht nur mit ihren teils mächtigen Hörnern porträtiert, er zeichnet auch ihren Charakter und ihre Lebensweise nach. So hat er das imposante Yak auf dem Tibet-Plateau besucht und das zarte Bali-Rind, das eher an Bambi denken lässt. Er erzählt auch von unmöglichen Reisen wie zu Kuori - ein Rind mit blasen- oder zwiebelförmigen Hörnern, die einen Umfang von bis zu einem Meter haben und das ausschließlich am Tschadsee vorkommt. Ein Gebiet, in dem Boko Haram aktiv ist. Oder vom (nicht geglückten) Versuch die Kou-prey zu finden - rätselhafte Rinder im Dschungel Kambodschas, die seit 1983 nicht mehr gesehen wurden.

Zwischen den Reisen thematisiert er den Wandel vom Tierhüter zum Produzenten, erzählt vom Weißen Gold Milch und über das Verschwinden - von Rassen, von Pflanzen und vom Respekt des Menschen vor der Schöpfung.

Es sind erhabene, elegante und stolze Tiere, die Lampert zeigt. Eine Spezies, die äußeren Umständen scheinbar unberührt trotzt. Und dadurch äußerst anpassungsfähig geworden ist. Die Lebensbedingungen von Rindern könnten kaum unterschiedlicher sein: von den drahtigen M’Bororo mit ihren ausladenden Hörnern in der Sahelzone etwa und den Sacha Ynaga im Nordosten Sibiriens, die sogar behaarte Euter haben, um sich vor der Kälte zu schützen. An die Lebens- und Sterbebedingungen manch heimischer Rinder will man ob so viel natürlicher Schönheit gar nicht denken. Denn auch die europäische Rinderwelt ist vom zotteligen Highland-Rind über die Negra Andaluza bis zum Montafoner Braunvieh recht bunt.

Kühe berauschen sich an Pflanzen, trunken vor Hingabe, zitiert das Schlusswort Anselm Kiefer. Alexander Kluge nennt die Kuh in einem Gespräch mit dem Künstler eine "Poetin der Natur". Damit wird dieses Kuh-Buch auch eine Ode an die Entschleunigung. Die hat bekanntlich viele Gestalten. Manchmal die einer seelenruhig wiederkäuenden Kuh.

Information

Sachbuch

Werner Lampert

"Unberührte Schönheit. Reisen zu den ursprünglichen Kühen dieser Welt."
Servus Buchverlag, 416 Seiten, 36 Euro





Schlagwörter

Sachbuch, Werner Lampert, Kühe

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-04-13 16:35:07
Letzte nderung am 2016-04-13 17:08:17



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