• vom 16.04.2016, 14:00 Uhr

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Surreales Welttheater




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Von Jeannette Villachica

  • Anna Katharina Hahn webt in ihrem neuen Roman, "Das Kleid meiner Mutter", ein verwirrendes Netz aus Realität und Fantasie.

Ana María, genannt Anita, ist Mitte zwanzig, wohnt bei ihren Eltern und hat noch nie in ihrem Beruf als Erzieherin gearbeitet. Das Beste, was sie und ihre Freunde im Krisenjahr 2012 in ihrer Heimatstadt Madrid bekommen können, ist ein Job für kurze Zeit oder Naturalien für kleine Dienstleistungen wie Babysitten.



Wenn sie nicht wollen, dass ihre Eltern sie durchfüttern, müssen sie nach Deutschland gehen - wie Anitas Bruder, ein promovierter Germanist, der seit Kurzem in Berlin auf dem Bau arbeitet. Immerhin reicht die Rente von Anitas Eltern, um auch die Eigentumswohnung in der Stadt und ein Ferienhaus auf dem Land abzubezahlen. "Das Häuschen in V. V. war, um meinen Vater zu zitieren, ein Begeisterungskauf aus eurer Kleinkinderzeit, als Spa-nien das Land in Europa war, in dem man am schnellsten zu Geld kommen und es ebenso schnell wieder ausgeben konnte."

Wer sich für die vielfach ausgezeichneten Romane "Kürzere Tage" und "Am Schwarzen Berg" der Stuttgarter Schriftstellerin Anna Katharina Hahn begeisterte, wird zu Beginn der Lektüre ihres neuen Romans, "Das Kleid meiner Mutter", vielleicht erst einmal schlucken. Wo sind die ruhigen Wohnwelten der schwäbischen Bildungsbürger geblieben, die Hahn mit glasklarem Blick und teilweise beißender Ironie als verstörend fremdartige Gefilde vorführte?

Endlich einmal eine Autorin, die nicht in die Vergangenheit oder ans Ende der Welt ausweicht, um Exotisches zu entdecken, sondern den ihr und so vielen ihrer Leser vertrauten Mikrokosmos seziert, dachte man. Hahn hielt der deutschen Mittelschicht in der Identitätskrise den Spiegel vor. Ihre auch sprachlich höchst präzisen und gegenwärtigen Milieustudien spickte sie mit der richtigen Menge Lokalkolorit.

Nun also Madrid in der Wirtschaftskrise. Was wie ein Gesellschaftsroman beginnt, entwickelt sich bald zu einem streckenweise surrealen Welttheater. An einem Sonntag im August entdeckt Anita ihre Eltern tot im Schlafzimmer. Der Schock, die Hitze und die Angst davor, wie es nun weitergehen soll, vernebeln ihr die Sinne. Sie schlüpft in die Kleider ihrer Mutter - und fortan halten sie sogar ihre besten Freunde für Blanca. Zunächst behält sie die Rolle nur bei, um den Tod der Eltern zu vertuschen, später auch, weil ihr das Leben ihrer Mutter viel aufregender erscheint als ihr eigenes. Spuren von Geheimnissen der Eltern führen sie bis zur Familie eines deutschen Chemikers in der NS-Zeit und zu dessen Sohn, der wie so viele Deutsche nach 1945 im franquistischen Spanien untertauchte.

Anna Katharina Hahn flicht aus Briefen und literarischen Zitaten, aus Liebesbeziehungen zwischen Madrid, Stuttgart und Berlin und dem Ringen zwischen Autoren und Übersetzerinnen und Anitas Lebenswirklichkeit, ihren Sehnsüchten und ihrem Schmerz ein flirrendes, nicht nur für ihre Protagonistin verwirrendes Netz aus Realität und Fantasie.

Surreale Ansätze gab es schon in Hahns früheren Romanen, auch mit vielen Themen ist die Autorin sich treu geblieben, etwa Mutterschaft, Nachklingen der Geschichte im Leben heutiger Generationen, Heimatverbundenheit und Literatur als Zuflucht des Bildungsbürgertums. Die spanische Gesellschaft betrachtet sie jedoch in eher weichem Licht, auch bleiben die gewohnte Verknappung und Schärfe aus, was ihren Stil beliebiger macht.

Und wo in Stuttgart alles auf den großen Knall hinauslief, der die Scheinidylle platzen ließ, löst sich in Madrid die Krise der Protagonistin nach einem Treffen mit dem Geliebten ihrer Mutter ziemlich schnell und unkompliziert auf. Vielleicht war ja auch alles nur ein Traum oder eine Geschichte, die Anitas Freunde einander bei den abendlichen Treffen auf der Puerta del Sol erzählten, um der Langeweile und Perspektivlosigkeit für kurze Zeit zu entgehen.

Information

Anna Katharina Hahn

Das Kleid meiner Mutter

Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, 311 Seiten, 22,60 Euro.

Am 27. 4. liest die Autorin um 19 Uhr im Literaturquartier Alte Schmiede, Schönlaterngasse 9, 1010 Wien, aus ihrem Roman.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-04-14 16:35:11
Letzte nderung am 2016-04-14 17:03:26



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