• vom 25.04.2016, 16:33 Uhr

Bücher aktuell

Update: 26.04.2016, 09:57 Uhr

Sachbuch

Abgesang auf den Humanismus




  • Artikel
  • Kommentare (3)
  • Lesenswert (26)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Judith Belfkih

  • Thilo Sarrazin holt in seinem jüngsten Buch "Wunschdenken" zum neuerlichen politischen Rundumschlag aus.

Kühler Kopf, kaltes Herz: Thilo Sarrazins Thesen sind biologistisch und huldigen dem bloßen Erhalt des Wohlstandes. - © ap/Clemens Bilan/dapd

Kühler Kopf, kaltes Herz: Thilo Sarrazins Thesen sind biologistisch und huldigen dem bloßen Erhalt des Wohlstandes. © ap/Clemens Bilan/dapd

Man habe ihn gebeten, ein konstruktives Buch zu schreiben. Eines, in dem er Lösungen aufzeigt, statt nur zu kritisieren - wie in seinem Aufsehen erregenden Buch "Deutschland schafft sich ab". Das hat Thilo Sarrazin nun getan. "Wunschdenken" ist dennoch eine radikale Abrechnung mit Angela Merkel, der deutschen und der europäischen Politik an sich: Statt Themen wie Klima, "Genderismus" und den "Gleichheitswahn" ewig wiederzukäuen, solle sich die Politik endlich den relevanten Fragen stellen: Einwanderung, Demografie und Bildung. So weit, so legitim.

Zuallererst skizziert Sarrazin jedoch seinen Menschheits- und Schöpfungsbegriff - biologistisch nüchtern. Auch die komplexesten Formen menschlichen Verhaltens sind hier biologisch begründet, der freie Wille inklusive. In der Evolution überlebt, wer dem Selektionsdruck gewachsen ist. Entwicklung folgt keinem Plan, es herrschen die Gesetze des Wildwuchses. Nur die Starken verdienen es, zu überleben. In Kombination mit nackten Wirtschaftszahlen ist Sarrazins Weltsicht schnell umrissen. Der soziale Status wird durch die genetische Fitness bestimmt. Die genetische Disposition wirkt über Generationen.

Wer nicht genug weiß, braucht den Glauben

Die weiteren Eckpfeiler folgen dieser Logik: Hochkulturen entstanden alle in klimatisch gemäßigten Zonen. Muslime gehören in Ländern, in denen sie die Minderheit darstellen, zur Unterschicht. Generell schadet der Islam der Bildung. Glauben sei nur etwas für Unterbemittelte: Sie "brauchen den Glauben, weil sie nicht genügend wissen." Dazu weisen etwa die Staaten Afrikas nicht nur höhere Korruptionsraten auf, sie verfügen auch über geringeres kognitives Kapital, was zu geringerem Wachstum führt. All diese, die wirtschaftliche Stabilität hemmenden Faktoren in Form von Menschen nach Deutschland zu lassen, das grenzt für Sarrazin an Wahnsinn.

Genau an diesem Punkt kommt der Staat ins Spiel: "Er muss dem einzelnen Bürger den Freiraum sichern, den er braucht, um sein individuelles Glück zu verfolgen. Andererseits muss er jeden Einzelnen vor der Gewalt der anderen schützen." Wohlstandsniveau und Wirtschaftswachstum sind dabei oberste Maxime. Ihr hat sich alles unterzuordnen. Alles eine Frage von Kosten und Nutzen. Bei Sarrazins Maximen für politisches Handeln steht dann auch an erster Stelle: "Schau, wen du ins Land lässt." Gefolgt von guter Ausbildung, Belohnung von Fleiß und Bestrafung von Faulheit.

Mit "Wie ich die Weltlage sehe" erklärt Sarrazin dann, wie die Welt - genauer: der Wohlstand Deutschlands - zu verteidigen sei. Auf ein Lob der Grenze und ihres Schutzes als Inbegriff der Staatlichkeit schlechthin, liefert er Modellrechnungen, in denen er auf eine deutsche Flüchtlingsbevölkerung von bis zu 134 Millionen im Jahr 2050 kommt. Folgerung: "Es reicht also nicht aus, den Flüchtlingszuzug zu begrenzen, man muss ihn weitestgehend stoppen." Grenzen dicht, Asylanträge nur in EU-Botschaften außerhalb der EU, schnelle, zentrale Abschiebungen, keine Einwanderung - außer hoch qualifizierte, fleißige Spezialisten aus dem Fernen Osten. Wir sollen schließlich etwas davon haben, von der Einwanderung, so der Autor. Bringen Einwanderer mehr als sie kosten, dürfen sie bleiben. Sonst nicht. Weil sie das Bildungsniveau senken und damit die oberste Maxime von stabiler Wirtschaftleistung schwächen.

Sarrazin analysiert außerdem die Fehler deutscher und europäischer Politik. Von der Rentenreform 1957 über die Gastarbeiter in den 60ern bis hin zu Griechenland und dem Berliner Flughafen - natürlich weiß Sarrazin auch hier, wie man es hätte machen müssen. Angela Merkel fertigt er mit dem Satz ab: "Wer von Zukunft nichts weiß, ruht in sich."

Vergeudete Geschenke des Abendlandes an die Welt

Die Stellung Europas ist ganz klar: Erst durch Medikamente und Landwirtschafttechniken - "diesem Geschenk des Abendlandes an die Welt" - konnte die Weltbevölkerung derart wachsen. Aber das Schicksal Afrikas liege nicht in unserer Hand. Man könne auf Verbesserung hoffen, Einfluss oder Verantwortung habe man nicht. Tritt keine Besserung auf, müsse man den eigenen Kontinent vor den Folgen schützen. Man möchte Thilo Sarrazin beinahe beneiden, um sein kompaktes, in sich stringentes Weltbild. Dass viele seiner Vorschläge, aus dem unterkühlten Kontext genommen, zumindest diskussionswürdig sind, geht im tendenziös rassistischen Überbau unter. Was ist der Mensch schon mehr als bloßes Humankapital? Doch der Neid schlägt allzu schnell in Angst um. Sarrazin hat den eiskalten Abgesang auf den Humanismus um eine Strophe erweitert. Die Sehnsucht nach einem einfachen Weltbild entscheidet derzeit in Europa Wahlen. Und Sarrazin liefert Rechtspopulisten Argumente, sich noch wohler in der eigenen Haut zu fühlen. Die Zahlen sind auf ihrer Seite.

Europa ist, so Sarrazin, durch seine wirtschaftlichen Erfolge die Spitze der Selektionskette, die sich vor der Verwässerung durch weniger Fitte zu schützen hat - was auf diese Geisteshaltung folgen kann, füllt die Geschichtsbücher.

Information

Sachbuch
Wunschdenken
von Thilo Sarrazin
DVA 2016, 576 Seiten, 25,70 Euro





3 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-04-25 16:38:04
Letzte nderung am 2016-04-26 09:57:09



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. frage
  2. in der straßenbahn
  3. Anwälte für Fauna und Flora
Meistkommentiert
  1. in der straßenbahn
  2. Klimaveränderungen
  3. Odysseus und die Kredit-Sirenen

Werbung




Werbung