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Update: 09.05.2016, 16:14 Uhr

Sachbuch

"Interessiert an Daten?"




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Von Christian Ortner

  • "Panama Papers" - Die Geschichte des größten Daten-Leaks aller Zeiten nun auch als Buch.

Die "Panama Papers" brachten auch die EU als Institution unter Beschuss: Aktivisten demonstrierten im April gegen die aufgedeckten Geldflüsse vor der EU-Kommission in Brüssel. - © reuters/Yves Herman

Die "Panama Papers" brachten auch die EU als Institution unter Beschuss: Aktivisten demonstrierten im April gegen die aufgedeckten Geldflüsse vor der EU-Kommission in Brüssel. © reuters/Yves Herman

Pling. Mit jenem charakteristischen Ton, der den Eingang einer E-Mail am Laptop anzeigt, begann vor über einem Jahr, was heute unter dem Stichwort "Panama Papers" die Schlagzeilen beherrscht. Die E-Mail traf am Computer des deutschen Journalisten Bastian Obermayer ein. Sie lautete: "Hallo, hier spricht John Doe. Interessiert an Daten? Ich teile gerne." John Doe, das ist das englischsprachige Pendant zu Max Mustermann.

Obermayer, Redakteur im Investigativressort der "Süddeutschen Zeitung", war interessiert. "Wie kommen wir an die Daten?", mailte er zurück. John Doe: "Als erstes müssen Sie verstehen, wie gefährlich und sensibel manche der Informationen aus den Daten sind. Mein Leben ist in Gefahr, wenn meine Identität offen gelegt wird...Es wird kein Treffen geben, was Sie am Ende veröffentlichen, ist Ihre Entscheidung."


Veröffentlicht wurden, ein Jahr später und mit Hilfe von 400 Journalisten und 90 Medienhäusern rund um den Globus, die panamaischen Briefkastenkonstruktionen von Politiker, Managern, Spitzensportlern und anderen Promis, die seither einigen Erklärungsbedarf haben. Gleichzeitig mit dem Start der Enthüllungen legten Obermayer und sein Ressortkollege Frederik Obermaier das Buch zur Enthüllung vor: "Die Panama Papers - Die Geschichte einer weltweiten Enthüllung". Wer sich erwartet, in dem 300 Seiten starken Band neue Namen aus der Kundenliste der vom Datendiebstahl betroffenen panamaischen Kanzlei Mossack-Fonseca zu erfahren, wird eher enttäuscht, ebenso, wer sich Hinweise auf die Identität des Informanten erhofft. Putins millionenschwerer Cellisten-Freund, der bereits zurückgetretene Isländische Premier oder der Fußballer Lionel Messie kommen ausführlich vor, wurden aber in der aktuellen Berichterstattung schon abgehandelt. Stattdessen werden die technischen und juristischen Details der Panama-Briefkästen sehr detailliert erörtert, gelegentlich für den Laien nicht so recht verständlich, vor allem aber ohne rechten Erkenntnisgewinn gegenüber dem Wissenstand eines halbwegs informierten Zeitungslesers.

Winnie Pooh trifft
auf Harry Potter

Unterhaltsam, aber nicht rasend bedeutend sind freilich zahlreiche Details wie etwa jene Tarnnamen, unter denen auf Diskretion bedachte Superreiche mit Panama kommunizieren. Da lautet ein E-Mail dann schon einmal: "Hallo Winnie Pooh, ich beziehe mich auf ein Treffen mit Harry Potter." Oder die Geschichte der Mega-Yacht des legendären US-Bankers Sanford "Sandy" Weill, der sein Schiff und die dazugehörige Briefkastenfirma April Fool genannt hat - Weill hat seine Ehefrau am 1. April 1954 kennengelernt. Vor allem aber krankt das Buch am gleichen Problem wie die Enthüllung an sich. Der Besitz einer Briefkastenfirma ist nichts Verbotenes; der Nachweis, dass damit rechtswidrig gehandelt wurde oder wird, gelingt dem Buch genauso wenig wie den meisten bisherigen medialen Investigationen.

Dass das ganze gewaltig stinkt, steht außer Zweifel - nur, dass üble Gerüchte halt nicht strafbar sind. Und so kommt in dem Text laufend vor, jemand "ist auf einer Liste zu finden", "wird dieser Firma zugerechnet" oder ähnliche Vermutungen, die im Grunde nichts belegen. Auch die Familie Habsburg, erfahren wir etwa, hat einen Bezug zu Mossack-Fonsecka. - Ja, und jetzt?

Unfreiwillig komisch wird das Buch, wenn die Autoren den Schweizer Altlinken Jean Ziegler besuchen, um sich dessen Meinung zu Steueroasen und Briefkästen einzuholen. Wortgewaltig donnert der alte Herr gegen den Neoliberalismus, den mörderischen Kapitalismus, die Verbrechen der Reichen. "Ziegler kann seine Wut auf den Turbokapitalismus schlecht zügeln, so schlecht, dass er deswegen stets irgendwo in Rechtsstreitigkeiten verwickelt ist. Sein Haus gehört deshalb seiner Frau, sein Auto ist geleast", erfahren wir da.

Sein Vermögen dem Zugriff der Gläubiger zu entziehen, ist bekanntlich eine wesentliche Funktion panamaischer Briefkastenfirmen. Bedürfnis danach besteht aber offenbar nicht nur bei den Bösen, sondern auch bei den selbst ernannten Guten.

Sachbuch

Panama Papers. Die Geschichte einer weltweiten Enthüllung

Bastian Obermayer und Frederik Obermaier

KiWi-Paperback, 2016

352 Seiten, 17,50 Euro




Schlagwörter

Sachbuch, Panama Papers

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-05-06 16:02:07
Letzte nderung am 2016-05-09 16:14:04



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