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Update: 03.06.2016, 17:43 Uhr

Sachbuch

Im Namen der Opfer




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Von Heiner Boberski

  • Hellmut Butterwecks Mammutwerk über Prozesse gegen NS-Straftäter in Wien.

An zahlreichen NS-Verbrechen waren Österreicher maßgeblich beteiligt. Diese Tatsache ist weit bekannter als die Aufarbeitung dieser Straftaten durch österreichische Volksgerichte in den Jahren 1945 bis 1955.

Kaum jemand weiß, dass es damals 13.607 Schuldsprüche gegen NS-Straftäter gab, davon 43 Todesurteile, von denen 30 auch vollstreckt wurden. Etwa die Hälfte der mehr als 23.000 Verfahren fand in Wien statt. In seinem Buch "Nationalsozialisten vor dem Volksgericht Wien" dokumentiert der 88-jährige Autor Hellmut Butterweck 840 Prozesse mit 1137 Angeklagten. Er schildert die alltägliche Niedertracht von Leuten, die sich bereicherten, die andere denunzierten (etwa wegen des Abhörens von "Feindsendern" oder des Erzählens regimekritischer Witze) und damit in Lebensgefahr brachten oder die als Sadisten, Räuber und Mörder im Dienst des Regimes agierten und sich auf "Befehle" und "Pflichterfüllung" beriefen.

Information

Nationalsozialisten vor dem Volksgericht Wien
Hellmut Butterweck
Studien Verlag, 2016
800 Seiten
49,90 Euro

Das Buch besticht durch die Fülle an Fakten, aber auch durch das mit Blick für das Wesentliche ausgewertete Quellenmaterial. Denn Butterweck stützt sich nicht auf nüchterne Gerichtsakten, sondern auf die viel lebendigeren Prozessberichte damaliger Zeitungen. Man lernt so die Bedeutung der Printmedien neu schätzen.

Seltsame Diskrepanz bei den Urteilen

Kritisch beleuchtet Hellmut Butterweck seltsame Diskrepanzen bei den Urteilen. Formale Kriterien - ob jemand vor 1938 ein illegaler Nationalsozialist war oder später eine bestimmte Funktion im NS-Staat hatte - führten oft zu höheren Strafen als unmenschliche Taten. Je mehr dann die damaligen Großparteien um ehemalige Nazis warben, umso milder fielen im Lauf der Jahre die Urteile aus. Auch Amnestien häuften sich. Butterweck fragt, warum etwa leitende Beamte der Wiener Gestapo systematisch geschont wurden. Ein Anliegen ist ihm, die Namen vieler vergessener Naziopfer in Erinnerung zu rufen und den in seinem Ausmaß oft unterschätzten österreichischen Widerstand zu würdigen.

Wer die NS-Zeit und die Jahre danach wirklich verstehen will, sollte sich eingehend mit diesem Opus magnum eines äußerst engagiert und dazu packend schreibenden Zeitzeugen befassen.





Schlagwörter

Sachbuch, Hellmut Butterweck

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-06-02 16:23:03
Letzte nderung am 2016-06-03 17:43:43



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