• vom 04.06.2016, 15:00 Uhr

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Update: 04.06.2016, 15:12 Uhr

Jean-Philippe Toussaint

Verpixeltes Püree aus grünen Erbsen




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Von Gerald Schmickl

  • Der belgische Schriftsteller Jean-Philippe Toussaint hat ein bezauberndes Buch über Fußball geschrieben, in dem er sich der Poesie von Randphänomenen widmet.



Stets auf Ballhöhe: Jean-Philippe Toussaint.

Stets auf Ballhöhe: Jean-Philippe Toussaint.© Anna Toussaint Stets auf Ballhöhe: Jean-Philippe Toussaint.© Anna Toussaint

Dieses Buch hat mir eine der rührendsten Begegnungen der letzten Wochen beschert. Ich saß im Zug von Graz nach Wien, in die Lektüre von "Fußball" vertieft, als sich am Platz mir gegenüber ein kleines, dunkelhaariges Mädchen niederließ. Es gehörte zu einer größeren muslimischen Familie, die eine Station davor eingestiegen war und sich nun im Waggoninneren verteilte. Das Mädchen saß also da - und sah mich mit großen Augen an. Verunsichert, wie man in solchen Situationen manchmal reagiert, ignorierte ich den Blickkontakt, vergrub mich hinter dem Buch, und versuchte weiter darin zu lesen.

Information

Jean-Philippe Toussaint
Fußball
Aus dem Französischen von Joachim Unseld. Frankfurter Verlagsanstalt, 2016, 18,40 Euro.

Da fragte mich das Mädchen plötzlich: "Spielst du gerne Fußball?" - Verblüfft über diese Kommunikationseröffnung, antwortete ich mit einer Gegenfrage: "Kannst du schon lesen?", woraufhin das Mädchen nickte - und mir in der Folge erzählte, dass sie als 7-Jährige seit sieben Monaten in die Otto-Glöckel-Schule in Wien gehe (nie zuvor habe ich den Namen dieses Schulreformers so betont gravitätisch aussprechen gehört), aus Syrien stamme - und ihr Vater und ihr Bruder beide Fußball spielten. Sie selbst sei mehr dem Tanzen zugeneigt. Als sie in Wien-Meidling mit ihren vielen Schwestern (und dem einen Bruder) samt Mutter ausstieg, war ich ein wenig traurig, so sehr hatte mir diese mutige kleine Person das Herz geöffnet.



Mit den Augen des Kindes

Jean-Philippe Toussaint ist es - wie ich aus seinem Buch erfahre - in Japan ganz ähnlich ergangen: "In der Untergrundbahn begegnete mir einmal ein kleines, viereinhalbjähriges Mädchen, das sein Vater zu einem Spiel mitnahm (ein wenig verschüchtert hatte es damit begonnen, mich mit seinen großen brauen Augen zu fixieren, bevor sie mich anlächelte . . .)"

Es bleibt nicht die einzige Begegnung mit einem Kind in dieser Sammlung aus kurzen Texten des belgischen Schriftstellers (und Filmers), die alle mehr oder weniger mit Fußball zu tun haben. Wobei es mehr die Begegnung mit der Kindheit an sich ist, die Toussaint mit diesem Sport verbindet: "Wenn ich an Fußball denke, kommt mir oft meine Kindheit in den Sinn." Und zwar in dem Sinne, dass er sich in ein Stadium kindlicher Unbedarftheit zurückversetzt fühlt, sobald ein Spiel beginnt. "Ich schaue nicht mehr mit den Augen des Kindes, aber ich nehme immer noch mit der unschuldigen Unbefangenheit der Kindheit den Zauber der Farben des Fußballs wahr, das Grün des Rasens seit unvordenklicher Zeit, und die Trikots der Spieler . . ."

Dieser glückselige Zustand kann allerdings rasch & leicht gefährdet werden, etwa durch die falsche Farbenwahl einzelner Mannschaften oder Nationen, wie bei einem WM-Halbfinale der Fall, als Deutschland "in diesen grauenhaften, rot-schwarz quergestreiften Rugby-Trikots" antrat. "Dann fühle ich mich verletzt, nicht ich selbst (ich habe da schon Schlimmeres erlebt), aber als Kind, das ich einst war und das um das einfache, ein Gefühl von Sicherheit gebende Glück betrogen wird, die Deutschen auf den Fußballplätzen der ganzen Welt in alle Ewigkeit in schwarzen Hosen und weißen Hemden spielen zu sehen."

Im Zeitkokon eines Spiels

Es sind vielfach solche Beobachtungen und Regungen, die Toussaint im Zusammenhang mit Fußball beschreibt: Details, Gefühle, Strukturen, Bilder - "unendlich zergliedert im Lichthof meiner Erinnerung". Dieser fein ziselierende, an Proust geschulte Reminiszenz-Künstler ist nicht - oder nur wenig - an dem fußballerischen Geschehen an sich interessiert, auch nicht an dessen symbolischer Bedeutung oder Überhöhung (etwa als Metapher für die Gesellschaft oder Globalisierung), als vielmehr an dessen Phänomenologie. "Ich tue so, als schriebe ich über Fußball, aber ich schreibe, wie immer, über die Zeit, die verrinnt."

In Betrachtung dieser Zeit entdeckt Toussaint, dass Fußball-Schauen eine eigene temporale Qualität entwickelt. Man ist einerseits ganz im Moment gefangen - "weil Fußball so perfekt mit dem Lauf der Zeit verschmilzt und sich mit ihrem Verrinnen verbündet" -, andererseits ist man gleichzeitig "über die Dauer des Spiels in einem Zeitkokon eingesponnen, geschützt vor den Verletzungen der Außenwelt, wir stehen außerhalb der Kontingenzen der Wirklichkeit, ihrer Schmerzen und Unzufriedenheiten. . ."

Aber es ist nicht so, dass der belgische Autor nur vor dem Fernseher säße und über Farben und Zeitphänomene sinnierte - er kann sich auch direkt ins Geschehen einmengen, sprich: in Stadien gehen und Spiele vor Ort betrachten. Zum Beispiel in Japan, zu welchem Land Toussaint eine spezielle Beziehung und Neigung hat (wie man aus einigen seiner Romane weiß, vor allem aus der Marie-Tetralogie, speziell aus "Sich lieben"). So war er im Juni 2002 ein ganzes Monat lang in Japan, um die dort stattfindende Weltmeisterschaft mitzuerleben.

Aber auch da fallen dem hochsensitiven (und doch erstaunlich pragmatischen und selbstironischen) Künstler vor allem Randerscheinungen auf - ganz buchstäblich, wenn er etwa das japanische Publikum betrachtet - und erstaunt feststellt, dass Kinder und Frauen in den Stadien Vorrang genießen. Und wahrscheinlich auch deswegen dort so zahlreich vertreten sind. Auch das japanische Team verblüfft den europäischen Gast: es präsentiert sich als "eine Mannschaft aus Rockstars und jugendlichen Liebhabern, auf deren Köpfen hier und dort Haarsträhnen in allen venezianischen Farbnuancen schillerten, von Blond bis Kastanienbraun . . ."


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-06-03 14:29:06
Letzte nderung am 2016-06-04 15:12:35



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