• vom 04.06.2016, 15:00 Uhr

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Update: 04.06.2016, 15:12 Uhr

Jean-Philippe Toussaint

Verpixeltes Püree aus grünen Erbsen




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Also auch hier eine wahre Farb-Sensation, die Toussaint zu entzücken vermag, der übrigens schon in einem anderen kleinen Büchlein, "Zidanes Melancholie" (2007), geistvolle Bemerkungen über Fußballer anzustellen wusste - in diesem Fall vor allem über den wohl berühmtesten Kopfstoß der Sportgeschichte.

Wie sehr den an sich zurückgezogen lebenden Autor Großereignisse wie Welt- oder Europameisterschaften in den Bann ziehen, zeigt sich auch während der WM 2014 in Brasilien, die Toussaint eigentlich ignorieren wollte. Er zog sich in diesem Sommer in sein Haus in Korsika zurück, in dem es keinen Fernsehapparat gibt, und ins Schreiben - "meiner persönlichen Mondfinsternis".

Doch mit Fortdauer des Turniers lässt sich diese Abstinenz nicht durchhalten. Toussaint forscht im Internet nicht nur nach Ergebnissen, sondern überwältigt sich gewissermaßen selbst zum Erwerb eines Streaming-Abonnements, um auf diese Weise doch am Spielgeschehen teilnehmen zu können.

Elfmeterschießen bei Gewitter

Allerdings hält die Leitung nicht, was ihr kommerzieller Anbieter verspricht - und wird immer wieder unterbrochen: "Oft verschwand der Ball in dieser nebelhaften Elektronik ganz aus meiner Sicht, im verpixelten Püree aus grünen Erbsen, das ich vor Augen hatte." Und dann bricht die Leitung ganz zusammen - ausgerechnet während des Elfmeterschießens zwischen Holland und Argentinien im Halbfinale. Toussaint läuft in die Küche und schaltet ein altes Radio ein, "das dort immer an der Steckdose hängt", und folgt den Schilderungen eines französischen Rundfunkreporters vor Ort.

Doch dann sorgt der Blitzschlag eines über Korsika tobenden Gewitters dafür, dass auch diese Verbindung unterbrochen wird. Und so kramt der Schriftsteller in letzter Verzweiflung einen kleinen Transistorradio aus einer Kommode hervor, in der Hoffnung, dass dessen Batterien funktionieren. Sie tun es - und so kann er, mittlerweile bei einem italienischen Sender gelandet, gerade noch vom entscheidenden Penalty erfahren, mit welchem Maxi Rodriguez Argentinien ins Finale (gegen Deutschland) schießt.

Aufgewühlt vom Ergebnis und dem abziehenden Gewitter, schleicht Toussaint ins Schlafzimmer. "Da hörte ich schwach aus dem Bett hinter mir die verschlafene Stimme Madeleines, die mich sanft fragte: ,Ist der Fußball vorbei?‘ Ja, er war vorbei."

Das Vergnügen und Entzücken an diesem zauberhaften Buch ist nach der Lektüre zum Glück nicht so rasch vorbei - es wirkt noch länger nach. Und seine Stimmungen und Farbnuancen werden beim Leser sicher auch diesen Juni und die gesamte Europameisterschaft hinweg anhalten.


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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-06-03 14:29:06
Letzte nderung am 2016-06-04 15:12:35



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