• vom 07.06.2016, 16:33 Uhr

Bücher aktuell

Update: 07.06.2016, 22:05 Uhr

Sachbuch

Ohne meinen Hass




  • Artikel
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Judith Belfkih

  • Seine Frau starb bei den Anschlägen in Paris. Antoine Leiris verweigert den Terroristen seinen Hass dafür.

Die Anschläge in Paris im November 2015 riefen weltweit Anteilnahme hervor.

Die Anschläge in Paris im November 2015 riefen weltweit Anteilnahme hervor.© ap/Markus Schreiber Die Anschläge in Paris im November 2015 riefen weltweit Anteilnahme hervor.© ap/Markus Schreiber

"Freitag Abend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Sohnes, aber meinen Hass bekommt ihr nicht. (...) Ihr wollt, dass ich Angst habe, meine Mitbürger misstrauisch beobachte, dass ich meine Freiheit der Sicherheit opfere. Verloren. Der Spieler ist noch im Spiel."

Drei Tage nach den Anschlägen im Konzertsaal Bataclan in Paris am 13.November waren es diese Sätze aus einem auf Facebook veröffentlichten offenen Brief, die zum Symbol des Widerstandes gegen den Terror wurden. Ein Sinnbild der freien Welt, die sich vom Terror nicht unterjochen lassen würde. Ein junger französischer Journalist, dem "der Angelpunkt" seines Lebens genommen wurde, widersteht dem Reflex des Hasses. Er verweigert den Attentätern seinen Groll und nimmt ihnen damit den eigentlichen Sieg. Er wird zur Galionsfigur einer Wertegemeinschaft, die den Terroristen nicht in die Falle tappt, sie mit ihrer Wut zu belohnen.

Information

Sachbuch
Meinen Hass bekommt ihr nicht
Antoine Leiris
blanvalet, 2016
144 Seiten, 12,40 Euro



Antoine Leiris wurde ein Symbol gegen den Terror.

Antoine Leiris wurde ein Symbol gegen den Terror.© Sandrine Roudeix Antoine Leiris wurde ein Symbol gegen den Terror.© Sandrine Roudeix

Antoine Leiris tut das vor allem, um den damals 17 Monate alten Sohn nicht in einer vergifteten Atmosphäre aufwachsen zu sehen. "Der Tod erwartete seine Mutter an jenem Abend. Sie waren nur Botschafter." Leiris’ Brief wird hunderttausende Male geteilt, den Mann ohne Hass nennen ihn die Franzosen. Hass nicht mit neuem Hass zu begegnen, daran scheitern schon viele, die gar nicht direkt betroffen sind vom Terror. Leiris wird nach seinem Posting zum Helden stilisiert, eine Rolle, mit der er wenig anfangen kann. Auch, um dieses Image zu korrigieren, hat er sein Statement in ein Buch eingebettet, das jetzt auf Deutsch erschienen ist.

"Meinen Hass bekommt ihr nicht" ist der sehr persönliche Blick eines Ehemannes und Vaters auf die ersten Tage, nachdem der Terror in sein Leben brach. Und es ist eine poetische Liebeserklärung an seine ermordete Frau Hélène. In starken Wortbildern und mit klarer zarter Linie schildert er die ersten Stunden nach dem Anschlag, bei dem 130 Menschen in ganz Paris ihr Leben verloren, den Prozess von der Schockstarre über die zaghaften, unsicheren Schritte im neuen Alltag von Vater und Sohn, und schließlich den gemeinsamen Besuch auf dem Friedhof als ersten Schritt in ein Leben zu zweit. "Wir werden kein Leben gegen diese Menschen aufbauen. Wir werden mit unserem eigenen Leben weitermachen." Einen Schuldigen zu haben, auf den man seinen Zorn richten kann, sieht der 35-Jährige als Möglichkeit, dem eigenen Leid auszuweichen: "Man verabscheut ihn, um nicht sein eigenes Leben zu hassen."

Mit seinem berührenden Buch unternimmt Leiris den Versuch, sich seine Trauer und damit sein Leben zurückzuerobern. Sein Schmerz gehört ihm und seinem Sohn, er soll aus der nie enden wollenden Liebe gespeist sein und nicht vom Hass beschmutzt. Was Leiris den Terroristen verweigert, ist die Einvernahme seines Lebens. Sei es von Seiten der Terroristen, denen er durch seinen Hass Macht über seine Befindlichkeiten geben würde. Oder von der Netzgemeinde, denn als Held sieht er sich nicht. Ihm ist die Liebe seines Lebens genommen und er versucht, in Liebe um sie zu trauern. Hass würde das Andenken an diese Liebe, an die Liebe zu seinem Sohn beflecken. Er hat da für ihn keinen Platz. "Sein ganzes Leben lang wird dieser kleine Junge euch beleidigen, weil er glücklich und frei ist."





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-06-07 16:38:09
Letzte nderung am 2016-06-07 22:05:53



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. frage
  2. "Ich bin mir selbst ein Rätsel"
  3. in der straßenbahn
Meistkommentiert
  1. in der straßenbahn
  2. Klimaveränderungen
  3. Odysseus und die Kredit-Sirenen

Werbung




Werbung