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Update: 15.07.2016, 16:03 Uhr

Sachbuch

Gegen die Bequemlichkeit




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Von Nicola Dax

  • "Die Harmoniefalle": Louis Schützenhöfers Plädoyer für die Dissonanz.

Schneller, als das Bewusstsein funktioniert, stülpen wir der Welt eine Schablone über, nach der wir kategorisieren und klassifizieren und somit vorgefertigte Meinungen immer wieder untermauern. Unterstützt wird der Mensch dabei durch seine ökonomische Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, ohne dabei immer alle Aspekte aller Ereignisse des ganzen Tages in Betracht zu ziehen und hinterfragen zu müssen. Gekonnt ignorieren wir, dass viel mehr Informationen erfragt werden müssten, um ein halbwegs sicheres Urteil fällen zu können. Genau diese Fähigkeit macht uns handlungsfähig und alltagstauglich. Dem Fortschritt steht sie aber im Weg.

In seinem Buch "Die Harmoniefalle" spürt der Psychologe Louis Schützenhöfer der großen Bereitschaft des Menschen nach, der Illusion zu erliegen, sein inneres Bild und das der Welt würden übereinstimmen. Untermauert jegliche neue Erfahrung aber nur die vorhandene Meinung, ist das Leben zwar harmonisch, ein Vorankommen aber ist kaum möglich. Erst kritisches Hinterfragen erlaubt es, sich in manchen Bereichen aus den Fesseln der Harmoniefalle zu befreien. Das sollte allen wichtig sein, so der Autor, denn wir lebten dadurch selbstbestimmter, angstfreier in einer größeren Vielfalt der Möglichkeiten mit unseren Mitmenschen.

Information

Sachbuch
Die Harmoniefalle
Louis Schützenhöfer
Orac 2016
208 Seiten, 22 Euro

Männliche Harmoniesucht

Mit kurzweiligen Studienergebnissen verdeutlicht Schützenhöfer außerdem, dass Harmoniesucht auch eines ist - männlich. Unermüdlich sei der Menschen dabei, Konsonanz zu erzeugen, Denken und Handeln in Einklang zu bringen, indem das Unangenehme ignoriert würde. Jeder Raucher wisse, dass Rauchen schädlich ist. Auch Missstände in einer Partnerschaft können mit der Fähigkeit der Konsonanz ewig ignoriert werden. Was Schützenhöfer zum Schluss kommen lässt, Männer wären tendenziell gefährdeter, in der Harmoniefalle zu sitzen, als Frauen, die schneller unzufrieden mit dem Status quo seien.

Harmonie ist der Beginn des Rückschritts, das liegt in der Verhaltensökonomie. Ist ein Ziel erreicht, beginnen Körper und Geist Verhalten und Bewegungen zu ökonomisieren. Der verringerte Aufwand hat eine anfänglich kaum merkbare Verschlechterung der Leistung zur Folge, die sich erst nach längerer Zeit auswirkt. Genau hier setzt Schützenhöfers Plädoyer an - für den Mut zu Konflikten und zu Dissonanz. Und dafür, sich in Bewegung zu setzen sobald es spürbar angenehm wird.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-07-15 15:44:12
Letzte nderung am 2016-07-15 16:03:47



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