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Literatur

1984 reloaded




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Von Gunther Neumann

  • Der algerische Autor Boualem Sansal entwirft in "2084" die düstere Vision einer Glaubensdiktatur.

Literarischer Prophet einer düsteren Zukunft: Boualem Sansal.

Literarischer Prophet einer düsteren Zukunft: Boualem Sansal.© apa/afp/Joel Saget Literarischer Prophet einer düsteren Zukunft: Boualem Sansal.© apa/afp/Joel Saget

Das namensgebende Jahr 2084 liegt längst in dunkler Vergangenheit. Abi, allmächtiger, nie gesehener Herrscher, Prophet Yölahs, des Allmächtigen, und seine "Gerechte Bruderschaft" herrschen über Abistan, ein düsteres Reich, befreit von Schönheit, Liebe, Träumen. Allgegenwärtig ist nur Big- aye, "Big Eye", Pendant von George Orwells "Großem Bruder".

Selbst ohne Mobiltelefone oder Internet reicht der Blick des "Großen Auges" bis in die Gehirnwindungen der Menschen, aus denen jede Erinnerung getilgt ist, oder sich nur als "verschwommener Wahn bei alten Demenzkranken" hält. In Abistan, das trotz moderner Waffen eher einem 1084 als einem 1984 oder gar einem futuristischen 2084 ähnelt, herrscht ewige Gegenwart. Individuelles Denken gibt es längst nicht mehr. Selbst das Idiom Abilang, Abistans Neusprech, ist eine Regres-sion, in dem der Ausdruck abweichender Gedanken unmöglich ist. "Unreine Sprachen", die durch ihre "Erfindungen verderben", sind verboten.



Boualem Sansals Protagonist Ati kuriert in einem festungsartigen Sanatorium seine TBC aus. Das karge Ouâ-Gebirge gibt ihm nicht nur physische Lebensgeister zurück, sondern öffnet ihm auch die Augen für die "undenkbare Wirklichkeit". Bei der Entlassung wird Ati als "zu überwachen" klassifiziert. Sein Abstieg aus dem Bergsanatorium dauert ein Jahr. Er sucht, trifft eine Handvoll zweifelnd Gleichgesinnter, kommt in "Umverteilungszentren, wo sich riesige Menschenmengen kreuzen". Analogien zu gegenwärtigen und künftigen Migrationsströmen sind wohl nicht zufällig.

Information

Boualem Sansal

2084. Das Ende der Welt

Roman. Aus dem Französischen von Vincent von Wroblewsky. Merlin Verlag 2016, 281 Seiten, 24,70 Euro.

In wenigen Ghettos überleben "antike Bevölkerungen, die trotz aller Hindernisse an den alten Häresien festhalten". Auch wenn willkürliche Massenhinrichtungen - von Ati selbst einst als "Momente intensiver Kommunion" befürwortet - wie "erlesene Schauspiele" gefilmt und übertragen werden: Technik spielt im obskurantistischen Abistan kaum eine Rolle. Es ist eine totalitäre Glaubensherrschaft, Willkür ist Programm. Selbst die Schergen des Apparates wissen nicht, wie alles funktioniert.

Sansals Sprache ist einmal dicht, fesselnd, gesättigt von Propagandaformeln, dann wieder trocken, distanziert, mit dem Stilmittel der Wiederholung versehen; auch die monotone Handlung ist nicht wirklich unterhaltsam, sondern genauso bedrückend wie das unheimliche Reich Abistan. Und die Figuren, bei denen "der Glaube an den Wahn und die Wahrheit an die Angst gekoppelt" sind, erscheinen oft seelenlos leer.

Seit dem Erscheinen des Originals 2015 hat sich "2084" im nach diversen Anschlägen verunsicherten Frankreich rund 300.000 Mal verkauft und wurde vielfach preisgekrönt. Die aktuellen Ereignisse und gesellschaftlichen Debatten haben dabei ihren Anteil. 2011 hatte Sansal den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Er sei ein ebenso leidenschaftlicher wie geistreicher Autor, hieß es in der Begründung.

Fundamentalismus

Im Gegensatz zur damals euphorischen Hoffnung in Europa war Sansal von Anfang an skeptisch gegenüber dem "Arabischen Frühling". Der algerische Bürgerkrieg der neunziger Jahre, dessen Bestialität bei uns weit weniger medial präsent war als jene des Syrien-Krieges heute, haben den noch immer im Land lebenden Sansal geprägt. "In Algier hatten wir das Gefühl, wie in Klausur dem Ende der Welt beizuwohnen", schrieb er 2013 in seinem Essay "Allahs Narren. Wie der Islamismus die Welt erobert". Deutschlands Willkommenskultur sei ebenso naiv wie der Traum von einem sanften Islam.

Mit den Krisen und dem religiösen Fundamentalismus, dem gegenüber Europa zwischen ängstlicher Abwehr und bemühter Toleranz zaudert, blicken viele zeitgenössische Romane in die Zukunft. In der Vision einer umfassenden Glaubensdiktatur geht Sansal weiter als Michel Houellebecq in seinem fast zeitgleich erschienenen Roman "Unterwerfung", kommt aber ohne Blasphemie und Provokation aus. Er lebe in einem Letzte-Tage-der-Menschheit-Gefühl, meinte der diskussionsfreudige Sansal kürzlich in der "ZEIT". Europa mit seiner Freiheit und seinen Werten gibt er verloren. Beim beißend klugen Autor ist keine spekulative Lust an der Apokalypse spürbar: Sein Pessimismus ist ihm trauriger Ernst.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-07-22 15:26:07
Letzte nderung am 2016-07-25 17:05:40



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