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Der Sinn des Lebens




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Von Peter Jungwirth

  • Der österreichische Schriftsteller René Freund bietet in seinem neuen Roman Unterhaltung, Trost und raffinierte Kritik an den Leitideen unserer Zeit.

René Freund, 1967 in Wien geboren, lebt in Grünau im Almtal. - © Monika Löff/Deuticke

René Freund, 1967 in Wien geboren, lebt in Grünau im Almtal. © Monika Löff/Deuticke

Wie könnten ein alleinerziehender Vater und seine erwachsene Tochter heißen, die gutsituiert und doch bohèmeaffin in Paris leben und ihren Sommerurlaub am liebsten am Mittelmeer verbringen? Raymond und Cécile? So heißen die Hauptfiguren in Françoise Sagans Roman "Bonjour Tristesse", und als Otto Preminger dieses Buch verfilmte, da zeigte er die herbstlichen Bilder aus Paris in melancholischem Schwarz/ Weiß und die sommerlichen von der Côte d’Azur in strahlendem Technicolor.

Information

René Freund
Niemand weiß, wie spät es ist
Roman. Deuticke, Wien 2016, 271 Seiten, 20,60 Euro.

Wer René Freunds jüngsten Roman liest, könnte sich vielleicht an Raymond und Cécile erinnern. In "Niemand weiß, wie spät es ist" sind Vater und Tochter zwar um einiges älter, sie heißen - ganz und gar unfranzösisch - Klaus und Nora, und auch sonst geht die Geschichte, gottlob, in eine völlig andere Richtung. Die familiäre Konstellation der in Paris lebenden Protagonisten wirkt aber anfangs sehr ähnlich: Cécile und Nora haben keine Geschwister, ihre Mütter sind verschwunden und nur die liebevollen, beruflich erfolgreichen Väter - Männer von Welt - sind ihnen geblieben.



Aber auch ihren geliebten Vater verliert die lebensfrohe und chaotische Nora - deren Karriere als Journalistin ebenso auf der Stelle tritt, wie ihre Bemühungen, einen passenden Mann zu finden und eine Familie zu gründen - , und das gleich zu Beginn des Romans. Klaus ist plötzlich tot, einfach auf der Straße umgefallen. Herzversagen.

Erbe mit Auflagen

Ein Tiefpunkt im Leben Noras, und das in jeder Hinsicht. Denn auch das Testament birgt eine unerfreuliche Überraschung: Sie soll die Urne ihres Vaters nach Österreich bringen, und ein "Teil der Reise soll ausschließlich zu Fuß erfolgen, und zwar unter notarieller Aufsicht." Angesichts dieser Auflage erwägt Nora anfangs, das Erbe auszuschlagen. "Wieso hatte er ihr das angetan? Er wusste, dass sie nicht gerne in Österreich war. Er wusste, dass sie nicht gerne wanderte. Und überhaupt, was sollte das mit der notariellen Aufsicht? Hatte es nicht einmal so etwas wie Vertrauen zwischen ihnen gegeben?"

Eine Wohnung im noblen sechzehnten Pariser Arrondissement, in der Bilder von Max Ernst und Maurice Utrillo hängen, und ein dazugehöriges Wertpapierdepot schlägt man aber nicht so einfach aus - vor allem dann nicht, wenn der ebenso wohlmeinende wie vorsichtige Erblasser verfügt, dass in diesem Fall ein Pharmakonzern Begünstigter wäre, um damit Versuchstiere zu kaufen.

Mit anderen Worten: Klaus kennt seine bockige Nora besser, als Raymond seine intrigante Cécile, und darum gelingt es ihm auch noch post mortem, seine Tochter auf einen gut geerdeten Weg zu locken. Gehen muss sie diesen freilich selbst - was Nora zunächst nur nervig findet. Dies liegt vor allem daran, dass sie auch den besten Rat leichtfertig in den Wind schlägt - ganz besonders dann, wenn er vom zwar netten, aber leider lächerlich pedantischen Bernhard kommt, der sie, als notarielle Aufsicht, bei ihrer Reise durch Österreich begleitet.

Ideales Paar

René Freund hat mit Nora und Bernhard ein ideales Paar geschaffen, um die gemeinsame Reise ins Unbekannte nie langweilig werden zu lassen: Sie, spottlustig, störrisch und reichlich realitätsfern, wenn es ums Bestehen in der rauen Natur geht; er, athletisch und herzhaft zupackend, ein scheinbar perfekter Partner für alle Lebenslagen, gerade für eine wie Nora - nur ist dieser von Nora mehr und mehr geschätzte, durchaus auch attraktive Bernhard halt leider, unter anderem seiner provinziellen und schwierigen Herkunft wegen, von Minderwertigkeitsgefühlen gebremst, gerade beim Umgang mit jungen, selbstsicher wirkenden Frauen aus Paris.

Die naturgemäß naheliegende Frage, ob es (im - von Bernhard im Bedarfsfall übrigens blitzschnell aufgestellten - Zelt) zwischen den beiden jungen Leuten irgendwann funken wird, bleibt für den Leser aber nicht die einzige knisternde Unbekannte. Und auch bei weitem nicht die wichtigste.

In "Niemand weiß, wie spät es ist" dreht es sich - obwohl die nächtliche SMS-Kommunikation zwischen Nora und ihrer Pariser Freundin fast darauf schließen ließe - nie nur ums profane "Flachlegen", und auch niemals nur um die daraus potentiell erwachsenden - manchmal gewollten, manchmal ungewollten - familiären Konsequenzen.

Lebensweisheiten

Vielmehr geht es in René Freunds Buch um nichts weniger, als um den Sinn dieses irgendwann, irgendwo, von irgendjemandem gezeugten Lebens. Und darum, wie man dieses Leben - das sich, egal wie umsichtig man es führt, grausam oft als viel zu kurz erweist - am besten führen soll.

Bildungsgut und Lebensweisheiten zu vermitteln, ist keine leichte Aufgabe. Und es (geleitet unter anderem von Denkern wie Blaise Pascal und Tatmenschen wie dem Namenspatron des derzeitigen Papstes) so zu tun, dass es den Empfänger nicht bedrückt, ein Kunststück. René Freund gelingt ein solches, indem er die Erkenntnisse von Klaus gut proportioniert an Nora weiterreicht: An jedem Reisetag erhält sie vom Pariser Notar eine Botschaft ihres Vaters, in dem er ihr das Etappenziel bekannt gibt, auch ein wenig aus den in seiner geliebten Pléiade-Ausgabe versammelten alten Meistern schöpft - und ihr von ihrer Mutter erzählt, die gestorben ist, als Nora ein Kind war.

Kritik am Zeitgeist

Wer ohne Zynismus nicht auskommt (oder sich am Motto "Bonjour Tristesse" übermäßig erbaut), wird sich für "Niemand weiß, wie spät es ist" kaum begeistern können. Wer sich die Freude am Leben auch durch Schicksalsschläge nicht nehmen lassen will, dem bietet René Freund aber mehr als nur Unterhaltung und Trost. Voll auf die Rechnung kommen im Übrigen auch all jene, die an der Niveaulosigkeit des Privatfernsehens verzweifeln - und serviert wird all das, besonders die feine Kritik am Zeitgeist, erfreulicherweise mit jener Raffinesse, mit der man in Paris Entenleberterrine zubereitet.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-07-29 15:08:07
Letzte nderung am 2016-07-29 15:47:20



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