• vom 31.07.2016, 19:00 Uhr

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Der Schmerz der Welt




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Von Andreas Wirthensohn

  • Die aus Südtirol stammende Schriftstellerin Sabine Gruber befasst sich auf bemerkenswerte Art mit der Flüchtlingsthematik sowie mit Macht und Ohnmacht der Kriegsberichterstatter.



Sabine Gruber wurde 1963 in Meran geboren.

Sabine Gruber wurde 1963 in Meran geboren.© Karl-Heinz Ströhle Sabine Gruber wurde 1963 in Meran geboren.© Karl-Heinz Ströhle

Die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag veröffentlichte 2003, ein Jahr vor ihrem Tod, einen ausgesprochen klugen Essay mit dem Titel "Das Leiden anderer betrachten". Darin beschäftigt sie sich intensiv mit der Kriegsfotografie und dem, was diese Bilder mit uns, den Betrachtern, anstellen. Bemerkenswerterweise revidiert sie dabei ihre Ansicht, die sie noch in ihrem berühmten Buch "Über Fotografie" (1978) vertreten hat, wonach die fortwährende mediale Konfrontation mit dem Leid anderer zu einer Abstumpfung führe. Nun spricht sie davon, dass diese Bilder den genau gegenteiligen Impuls in uns auslösen: "Das Bild sagt: Setz dem ein Ende, interveniere, handle. Und dies ist die entscheidende, die korrekte Reaktion."

Ob Vietnam- oder Bosnienkrieg: Nicht nur in diesen beiden Kriegen waren es auch die Bilder der "Gesinnungsfotografen", die ihren Verlauf beeinflusst haben. Oder man denke, als jüngstes Beispiel, an das zutiefst berührende und erschütternde Foto des ertrunkenen Flüchtlingskinds Aylan Kurdi, das die Diskussion über die europäische Flüchtlingspolitik nicht unwesentlich bestimmte.

Information

Sabine Gruber
Daldossi oder Das Leben des Augenblicks
Roman. C.H. Beck, München 2016, 315 Seiten, 22,60 Euro.

Gesinnungsfotograf

Auch Bruno Daldossi war einmal ein solcher "Gesinnungsfotograf", der mit seinen Bildern "moralische Augenöffnerei" betreiben wollte. "Daldossi ging es darum, das Schicksal der Leute zu teilen. Es ging um deren Würde." Seine Dunkelkammer nannte er für sich die "Totenkammer", denn mindestens so oft wie Lebende waren Tote auf seinen Fotos zu sehen. Tschetschenien, Bosnien, Afghanistan, Irak - an all diesen Kriegsschauplätzen hat Daldossi seine Bilder gemacht und dann vor allem in der Zeitschrift "Estero" veröffentlicht. Mit seiner gefährlichen Tätigkeit wollte er die Welt aufrütteln, ihr das Leid der anderen vor Augen führen und sie zum Eingreifen, zum Aktivwerden bewegen.



Doch man kann das ganze natürlich auch anders sehen, und in Momenten der Verzweiflung oder der Alkoholvernebeltheit geht Daldossi selbst mit seinem Berufsstand hart ins Gericht. "Genau das sind wir: Medienausstatter, Dekorateure für Hochglanzmagazine, billige Mitleidsproduzenten." Einen "Voyeur der Gewalt" und "Schmerzbilderkonstrukteur" nennt ihn seine Freundin Marlis, die ihn verlassen hat, und für einen Mann mit Berufsethos wie Daldossi ist der Vorwurf der Konstruiertheit - also der Nicht-Authentizität - seiner Fotos wohl der schlimmste.

Jetzt führt Daldossi ein von all diesem Elend, das er mitangesehen hat, kontaminiertes Leben im erzwungenen Ruhestand. "Er sei das Produkt seiner eigenen Fehleinschätzung, ein in die Jahre gekommener Säufer, der versuche, sein Alter wegzuvögeln, ein ewiger Besserwisser", hält ihm eine junge Fotografiestudentin vor. Er denkt noch immer "in Kriegen", und seine Freundin Marlis, eine Tierschützerin, weiß ziemlich genau, warum sie sich fortan lieber mit Bären als mit ihm abgibt: "Du bist immer weniger geworden, hörte er Marlis sagen. Etwas von dir ist an den Schreckensorten zurückgeblieben, und dieses Etwas ist immer größer geworden. Ich brauche einen, der hier und jetzt mit mir lebt, der mich jetzt liebt."

Herr über das Jetzt

Daldossi, als Fotograf sozusagen der Herr über den gegenwärtigen Augenblick, dem er Dauer verleiht, muss feststellen: "Dass diese Bilder einmal Gegenwart gewesen waren und als unmittelbare Gegenwart wahrgenommen worden waren. Dass es gar keine Gegenwart gab. Dass die immer woanders war."

Bruno Daldossi ist eine fiktive Figur, die Sabine Gruber für ihren jüngsten Roman erfunden hat. Und doch bewegt sich dieser Daldossi unter lauter Kollegen, die es tatsächlich gibt oder gegeben hat (wie etwa die 2014 umgekommene Anja Niedringhaus). Und auch das wahre Leben des Journalisten Gabriel Grüner, der 1999 im Kosovo erschossen wurde und mit dem Sabine Gruber eng befreundet war, ist diesem Romanhelden auf die eine oder andere Weise eingeschrieben (Grüner diente übrigens schon in Norbert Gstreins Roman "Das Handwerk des Tötens" als Folie und Katalysator einer fiktionalen Handlung). Trotzdem ist "Daldossi oder Das Leben des Augenblicks" kein Schlüsselroman über Kriegsberichterstatter, sondern ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie politische Literatur im besten Sinne heute aussehen kann.

Das hat auch damit zu tun, dass Sabine Gruber Bruno Daldossi eine weibliche Figur zur Seite stellt, die nicht nur eine Außensicht auf den Titelhelden ermöglicht, sondern als noch aktive Vertreterin der schreibenden Zunft eine Art "gegenwärtiges" Gegengewicht darstellt. Johanna ist von Wien aus auf dem Weg nach Lampedusa, um von dort über die Flüchtlingskrise zu berichten, und trifft sich zuvor noch mit Bruno, der mit ihrem Ex-Mann befreundet war. Dass die beiden sich näher kommen, hat auch mit einer gewissen Seelenverwandtschaft zu tun. Was Bruno über sich selbst sagt, gilt auch für Johanna: "Vielleicht muss ich die Welt photographieren, um die Welt ertragen zu können."


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-07-29 15:17:06
Letzte nderung am 2016-07-29 15:46:05



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