• vom 15.08.2016, 19:59 Uhr

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Der überraschende Mohammed




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Von Gerhard Lechner

  • Jochen Ulbing beherbergte einen Syrer, der gängigen Klischees so gar nicht entsprach.

Der Flüchtling im Allgemeinen ist ja übel beleumundet. Er ist jung, männlich, mit Testosteron vollgepumpt und tritt meist in Horden auf. Ständig ist er auf der Suche nach "westlichen Schlampen", die er vergewaltigen kann. Darüber hinaus neigt der islamische Migrant zu religiösem Fanatismus, bildet Parallelgesellschaften, radikalisiert sich in Moscheen und bastelt Bomben. Die romantischen "Bahnhofsklatscher" vom Frühherbst letzten Jahres, die ihn ins Land kommen haben lassen, können nur verirrte Spinner oder linkslinke Träumer gewesen sein.

Der Flüchtling im Speziellen: Überaus angenehm. Freundlich. Rücksichtsvoll. Kocht wie ein Meisterkoch. Und spielt besser Pink Floyd auf der Klampfe des Hausherrn als dieser selbst.

Information

Jochen Ulbing: Mohammed & me,  Millimari 2016,

140 Seiten, 22 Euro.

Der heißt Jochen Ulbing, ist Unternehmer, 44 Jahre alt und wohnt mit Frau und Tochter am Land in der südlichen Steiermark. Vergangenen Sommer entschloss sich die Familie, ihre Idylle mit einem Flüchtling zu teilen. Ein eher ungewöhnlicher Schritt: Üblicherweise erklären ja auch Flüchtlingsfreunde in solchen Fällen "den Staat" für zuständig - nach dem Motto: "Refugees welcome" ja - aber nicht hier, nicht bei mir. Zu groß ist wohl die Angst vor dem Sprung ins Ungewisse: Wer kommt denn da in unsere Wohnung? Wird es Probleme geben? Muss ich mein Leben ändern? Und überhaupt - der Islam...

Alkohol, Rock, Schweinefleisch

Nicht, dass Ulbing diese allzu menschlichen Bedenken nicht hätte. Er wusste zunächst nicht, wer kommt. Freunde und Bekannte waren anfangs reserviert. Geworden ist es ein Syrer mit Namen Mohammed. Doch er entspricht nicht den Erwartungshaltungen an Träger dieses Namens: Mohammed trinkt Alkohol, spielt Hard Rock, ist nicht allzu gläubig und isst sogar Schweinefleisch. Auch indem er den Tisch pünktlicher abräumt als der Hausherr bisher, bringt er die innerfamiliäre Hackordnung durcheinander.

"Mohammed & me" ist trotz des schwierigen Flüchtlingsthemas kein allzu ernstes Buch. Thema ist weniger der Syrer Mohammed, der sich weder als Belastung oder Bedrohung noch als bemitleidenswertes Opfer erweist. Thema sind unsere Klischees und Vorurteile gegenüber dem Unbekannten. Ulbing verzichtet beim Erzählen dennoch auf den moralischen Zeigefinger und zeigt sich stattdessen von manchmal kabarettistisch anmutender Selbstironie. Sein Buch ist witzig und kurzweilig erzählt und vor allem eine Satire auf die gängigen Ängste.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-08-15 16:08:07
Letzte nderung am 2016-08-15 17:00:30



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